Juli 9

Alles

Eine meiner besten Eigenschaften ist, so glaube ich, meine Intelligenz. Ich möchte nicht unhöflich erscheinen, aber Fakt ist, dass mein Gehirn das Fassungsvermögen jeder anderen Person in meinem Alter übersteigt. Im Alter von acht Jahren wurde mein IQ auf einen Wert von 136 gemessen, was nur ein wenig enfernt liegt vom Genielevel. Ich liebte es auch zu lernen. Ich wollte alles wissen.

Als ich älter wurde verbrachte ich meine Zeit damit, nachzudenken und zu Lernen. Es war wundervoll. Eines Tages wurde mir die Chance geboten, an einem experimentellen Prozess teilzunehmen, um die mentale Kapazität um 250 % zu erhöhen. Ich nahm natürlich an.

An dem Tag, an dem der Test stattfand, begab ich mich in das Labor und nahm auf dem Verfahrensstuhl platz. Die Wissenschaftler und der Anstaltsarzt schlossen mich an ein EEG und andere Gerätschaften an, um mein Leben sicherzustellen. Dann brachten sie die Ausrüstung für den Vorgang herein. Eine Brille, auf den ersten Blick völlig normal.

Man setzte mir die Brille auf, und sofort sah ich den Unterschied. Alles, jedes Geheimnis des Universums war da vor mir. Ich sah chemische Formeln, Atome, Moleküle und Proteinketten. Ich sah mathematische Gleichungen, das Ausmaß von einfachen Dingen, die ich für selbstverständlich erachtet hattte. Ich blickte über die Wände des Raumes in dem ich mich befand, hinaus. Ich sah Sterne, die nächste Galaxie und ein alternatives Universum.

Ich saß einen Augenblick da, kaum etwas ansehend. Einer der Wissenschaftler tippte mir auf die Schulter und fragte mich „Was siehst du?“.

Ich drehte mich langsam um, um ihn anzusehen. „Ich sehe alles.“ Ich konnte jede Zelle in ihren Körpern sehen, jede Faser ihrer Kleidung und jedes einzelne ihrer Haare.

„Alles, huh?“

Ich starrte in die tiefblauen, beinahe schwarzen Augen von einem der Professoren. Ich sah was er dachte. Ich sah alles.

Und dann war die bildliche Kacke am Dampfen.

All das Wissen flutete meinen Verstand. Bisher hatte ich nur gesehen und nichts wirklich wahrgenommen. Doch nun kam alles auf einmal. Es war wie eine Flutwelle die versucht in eine Regenrinne zu fließen. Ich konnte jeden Menschen auf der Erde, tot und lebendig, reden hören. Ich sah all die schrecklichen Dinge gleichzeitig passieren.

Ich geriet augenblicklich in Panik. Ich konnte nicht atmen. Ich hörte Maschinen piepen, Wissenschafter eilten herbei und versuchten auf mich einzureden. Darüber hinaus waren da noch die Stimmen, die mir die Geheimnisse der Welt verrieten. Der Arzt kontrollierte das EEG, welches die Skala sprengte. Ich sah nichts bis auf Weiß, reines, blendendes Weiß.

Das Weiß wurde schlagartig von Rot ersetzt. Ich hatte nicht länger die Kontrolle über meinen Körper, oder gar meinem Gehirn. Meine Hände fuhren nach oben und rissen die Brille herunter, doch es war zu spät. Aus reiner Frustration, begannen meine eigenen, ungehorsamen Hände sich in meinen Schädel zu graben, um mein Gehirn zu stoppen. Die Stimmen mussten verschwinden. Meine blutigen Finger umfassten meine Augen und rissen sie mit einem krankhaften Geräusch aus ihren Augenhöhlen. Mir drehte sich der Magen um und ich hatte unerträgliche Schmerzen, aber ich war nicht in der Lage darauf zu reagieren. Meine Hände gruben sich in mein Fleisch, bevor es den Wissenschaftlern gelang mich zu fixieren. Ich nahm wahr wie sie mich iregendwo hinbrachten.

Irgendwie schaffte ich es einzuschlafen, da ich bald darauf aufwachte. Mein Augenlicht war zurückgekehrt, wie auch immer. Die Stimmen waren nach wie vor da, und sie flüsterten noch immer.

„Keine Sorge, du bist jetzt die schlauste Person der Welt.“

„Du weißt alles, es wird niemals etwas schiefgehen.“

Ich fühlte wie meine Stimmbänder sich spannte und ein erstickter Ton in meine Ohren drang. Auch wenn ein Teil meines Gehirns meinem Körper befahlt aufzuhören, herunterzufahren, mich leben zu lassen, meine Arme wehren sich gegen ihre Fesseln.

Meine Arme waren wundgescheuert, aber sie überwanden die Fesseln. Ich war nicht mehr in der Lage zu blinzeln, aber ich konnte Blut meinen Körper herunter laufen sehen, Blut von meinem Gesicht und meinen Armen. Ich war allein, in einem Krankenzimmer. Ich spürte die Brille auf meinem Gesicht.

Ich riss die herunter und war sogleich blind. Die Stimmen jedoch blieben.

„Du kannst uns nicht zurücklassen.“

„Du weißt noch immer alles…“

In diesem Moment wurde alles zu Nichts, als meine eigenen Hände mich verrieten und sich in meine Brust gruben. Bevor ich meinen letzten Atemzug tat, hörte ich wie die Doktoren in das Zimmer stürmten. Über das Geräusch ihrer Schreie und das piepsen weiterer Maschinen, hörte ich die Stimmen in meinem Kopf einen letzten, eiskalten Satz sagen:

„… und nun wirst du alles für immer wissen.“
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Übersetzer: Darkitachi




Verfasst 9. Juli 2016 von Icebird in category "Eigenartiges & Unbekanntes