November 14

Creepypastas von Fans #023: „Utoya Massaker“

Anmerkung: Keine traditionelle Creepypasta, dennoch den Umständen entsprechend „creepy“, da auf wahren Begebenheiten basierend. Es ist eine etwas längere und ich wollte sie euch nicht vorenthalten, auch wenn sie das Thema der Seite etwas verfehlt. Hat dennoch etwas unheimliches. 

Es war ein trüber Tag im Juli.

Die Gruppe der sozialdemokratischen Arbeiterpartei hatte sich ein weiteres Mal zusammengefunden, um das bevorstehende Treffen mit deren Vorgesetzten zu planen. Ein lautes Gerede machte die Runde, das aber sofort verstummte, als ihr Leiter vortrat. Sein Gesichtsausdruck war ernster als sonst, als würde ihn etwas bedrücken.

„Was ist denn mit Herr Falkenstein los?“, fragte Elise ihren Freund Aleksandar. „Keine Ahnung, vielleicht ist ihm das Mittagsessen nicht gut bekommen“, antwortete er und grinste. Elise schmunzelte. „Das war heute aber auch nicht gerade ein 3-Sterne-Menu“.

Herr Falkenstein räusperte sich, legte sich seine Notizblätter zur Seite und blickte ernst in die Runde. Seine Augen waren trübe und leer. Einem Tunnel glich sein Blick. Er wusste nicht, wie er anfangen sollte. Diese unangenehme Pause löste ein leises Murmeln aus. Er seufzte auf, fuhr mit beiden Händen durch seine aalglatten Haare und versuchte, die richtigen Worte zu finden. Was nicht sehr leicht war. „Es ist… vor einigen Stunden wurde unsere Hauptstadt angegriffen.“ Das Murmeln artete ihn lauteres Gerede aus. „Was? Was ist denn geschehen?“. Die ersten holten schon ihr Handy raus, um eventuelle Informationen über das Internet zu erfahren. Herr Falkenstein klatschte in die Hände. „Bitte, Ruhe bitte!“ Es wurde leiser, doch das Tuscheln hielt an. Auch Elise wirkte unruhig, Aleksandar dagegen hatte kein Wort verloren. Er war wie erstarrt. 

„Herr Falkenstein, was ist genau geschehen?“. Sein Blick schweifte nach draußen. Es fing an zu nieseln. Die Regentropfen zierten sachte die Fensterscheiben. Der Wind wehte sanft durch die Baumkronen. Herr Falkenstein riss sich zusammen, räusperte sich und sprach: „Es war ein Bombenanschlag. Aber es gibt im Moment kein Grund zur Panik. Die Sicherheitskräfte haben alles im Griff. Wir müssen … wir müssen einfach mit dieser Situation nun zurechtkommen.“ Ein junger Mann aus der ersten Reihe erhob sich, ballte leicht die Faust und meinte: „Ich … was und wieso ist dort geschehen? Ich meine, gibt es keine Informationen? Wieso weiß niemand etwas“ – „Weil alles noch sehr neu ist, es gibt noch kein wirkliches Motiv.“

Elise stupfte Aleksandar. „Meinst du, das waren Terroristen?“ Aleksandar verschränkte seine Arme, runzelte die Stirn und blickte ebenfalls nach draußen. Elise schien immer noch sehr verwirrt und versuchte sich, einen Reim daraus zu machen, als es zunehmend lauter und unangenehmer im Raum wurde. Mehrere Leute waren nun aufgestanden und unterhielten sich intensiv mit ihren Mitkameraden. Herr Falkenstein indes war nun in ein Gespräch mit dem Vize-Vorsitzenden der Runde vertieft, während er nervös mit seinen Händen gestikulierte. Es fing stärker an zu regnen. Elise versuchte, sich zu konzentrieren, doch der Lärm hielt sie davon ab. Sie schloss die Augen und dachte an ihre Familie, die in Oslo wohnte. Ob es ihnen gut geht. Dass niemand zu Schaden gekommen war. Sie wurde von der Seite heftig angestoßen.

„Elise? Es heißt, es war ein rechtsextremistischer Angriff!“. Edvard, ein etwas dürrer Mitkamerad hielt ihr sein Handy entgegen, wo sie die neueste Meldung zu lesen bekam. In der Tat. Es hieß, der Angriff war geplant. Ein gezielter, politischer Angriff. „Das ist doch noch nicht sicher. Nur Vermutungen“. Sie wollte dem Ganzen noch nicht so recht glauben, da alles noch sehr frisch war. Edvard schien sehr aufgebracht. „Wir müssen doch irgendetwas tun! Herr Falkenstein? Herr Falkenstein?“ Er verließ sie und stürmte ungeduldig nach vorne. Aleksandar indes hatte nach wie vor kein Wort verloren. Elise seufzte leise auf, als sie ihn fragte: „Sollen wir nach draußen gehen? Ich brauche dringend frische Luft“. Für einen kurzen Moment reagierte er nicht, doch dann nickte er und stand auf. „Gut“, sagte sie und erhob sich ebenfalls. Hinter ihnen waren drei weitere Kameraden, welche sich ebenfalls nicht wirklich an der laufenden Diskussion anschlossen. „Na, kommt ihr mit? Ein bisschen nach draußen? Ist echt ein bisschen viel gerade“, fragte sie sie. Die drei schauten sich kurz an, nickten und das Mädchen namens Victoria von ihnen meinte: „Klar, wieso auch nicht? Frische Luft tut gut“. Sie klatschte sich auf ihre Schenkel und die Fünf verließen den bereits tosenden Saal.

Der Regen hatte sich ein klein wenig gelegt, doch es war für die Jahreszeit außergewöhnlich kalt gewesen. „Boah, das hältst du ja im Kopf nicht aus“, sagte Victoria und streckte die Arme aus. „Ich weiß… ich weiß gar nicht, was ich jetzt gerade fühlen soll“, fügte sie hinzu und blickte Elise an. Jene schüttelte rasch den Kopf und blickte nach oben. „Scheiß Wetter“, murmelte sie und wandte sich an Aleksandar. „Ist alles in Ordnung mit dir? Du wirkst so betrübt“. Er schob seine Hände in die Hosentasche und seufzte auf. Es schien, als wäre er den Tränen nahe. „Aleksandar?“ Victoria kam nun auch zu ihm. „Was hat er?“ – „Ich weiß es nicht, seit der Mitteilung ist er so ruhig“ – „Hm.“ Victoria griff in ihre Jackentasche und holte eine Packung Zigaretten raus. „Auch eine?“, fragte sie in die Runde. Die anderen zwei Jungen hatten sich der Gruppe nun auch angeschlossen. „Nein, danke“, erwiderte Elise. Auch die Jungen schüttelten den Kopf. „Na gut“, meinte Victoria, holte eine für sich raus und verstaute die Packung wieder in ihrer Jackentasche. Aleksandars Blick schweifte über die Landschaft. Einer der anderen beiden Jungen meldete sich nun zu Wort. „Was für ein krankes Arschloch muss das gewesen sein?“ Victoria zuckte die Achseln, nahm einen tiefen Zug und fügte hinzu: „Auf jeden Fall kein Patriotisches“. Ein gequältes Grinsen zierte Elises Gesicht. „Ich frage mich, ob Menschen dabei gestorben sind“. Nun schaute Aleksandar ihr direkt ins Gesicht. Er starrte nun jeden der kleinen Gruppe an. „Ob Menschen gestorben sind? Wie taktlos kann man eigentlich sein?“, sagte er nun. Seine Stimme bebte. „Wir sind hier in Norwegen. Wir wurden gerade angegriffen. Und du“, er zeigte direkt auf Victoria „machst dich darüber lustig? Was, wenn deine Familie drauf gegangen ist? Ich verstehe das nicht, wie kann man nur…“ – „Aleks, ganz ruhig, bitte“, besänftigte ihn Elise und nahm ihn in den Arm. Er indes fing leise an zu weinen. Sie beruhigte ihn: „Niemand hier hat es so gemeint. Es ist für uns alle schrecklich. Psst, ganz ruhig“. Victoria hatte kein weiteres Wort mehr gesagt und stumm ihre Zigarette weiter genossen.

„Das ist Norwegen hier. Warum? Wieso? Was haben wir verbrochen? Wir sind nicht in den Staaten“, schluchzte er. Keiner der Gruppe sagte etwas darauf. Es konnte sich im Grunde niemand erklären. Er hatte es ausgesprochen, was alle insgeheim dachten; das hier sind nicht die Staaten. Norwegen, ein beschauliches, friedliches Völkchen, welches niemandem etwas tun würde. Ein Staat am Rande Europas, das eine gewisse Neutralität genießt. Und sie wurden doch angegriffen, so wie es scheint sogar aus den eigenen Reihen. Die Stimmung war immer noch sehr angespannt, keiner wollte es so recht wahrhaben. Ein direkter, intensiver Schlag. Die Diskussion im Saal hat sich nun nach draußen verlegt. Mehrere Leute haben nun das Zentrum verlassen und standen ebenfalls in mehrere kleine Gruppierungen eingeteilt im Regen und unterhielten sich. Wie sollte es nun weitergehen? Einige hingen am Handy, um Verwandte und Freunde anzurufen, um an mehr Informationen zu gelangen. Man mochte wissen, was sich da draußen abspielte. Sie waren ja etwas abgegrenzt vom Ganzen. Nach und nach kamen immer mehr Meldungen ans Licht, doch viele waren noch rein spekulativ.

„Ich habe gehört, es sei eine ganze Gruppe von Rechtsextremen gewesen, die das Regime stürzen wollen“, meinte nun Edvard, der die ganze Zeit an seinem Handy war. „Ja? Ich würde das nicht verallgemeinern. Vielleicht waren es auch Außenstehende. Russen. Oder sogar die Finnen!“, wurde eingeworfen. „Die Finnen? Rede keinen Schwachsinn. Die haben überhaupt kein Motiv!“.

Aleksandar und Elise hatten sich der Gruppe nun angeschlossen, auch Victoria und die beiden anderen Jungen kamen mit. Edvard schien sehr motiviert, als wollte er das Geschehen nun unbedingt lösen. „Ich habe ja die Vermutung, dass es wirklich eher ein Terroranschlag sein könnte. Der Islam. Wie damals am 11. September in New York“. Elise verdrehte die Augen: „Was gibt es bei uns schon zu holen? Es gibt keinen Grund, wir waren nicht diejenigen, die den Krieg gegen den Terror anzettelten“. Aleksander indes blickte nervös umher. „Habt ihr das gehört?“, fragte er vorsichtig. Edvard blickte ihn verwundert an: „Was meinst du?“ – „Hier, dieses … hört doch!“. Ein leises Motorgeräusch war zu hören. Es schien vom Ufer zu kommen. „Ein Boot?“, fragte Elise. Aleksandar legte den Finger vor seinen Lippen um zu verdeutlichen, sie solle leise sein. „Es muss ein Boot sein“, sagte er. Nun waren alle etwas ruhiger geworden, denn das Geräusch wurde lauter. „Das muss definitiv einer von den anderen sein“, vermutete Edvard. „Welche anderen?“, wollte Elise wissen. „Na, die, die uns jetzt sagen, was passiert ist“, antwortete er ungeduldig. Aleksandar ging ein paar Schritte Richtung Küste. „Warte, Aleks“, rief Elise und hielt ihm am Arm fest. „Schau doch!“, sagte er und zeigte mit dem Finger auf den schmalen Weg zwischen den Bäumen. Eine dunkle Gestalt kam auf sie alle zu. Nun blickte auch Edvard nach vorn. „Wer ist das?“ Die Person kam immer näher. Es schien, als hätte sie eine Uniform an. „Das muss die Polizei sein“, meinte nun Victoria, die an einer neuen Zigarette nervös zog.

„Jemand muss es Herr Falkenstein sagen!“, meinte Edvard, der immer noch gebannt den Polizisten beobachtet, welcher nun immer näher kam. Bevor Elise den Mund aufmachen konnte, fiel plötzlich ein Schuss und einer von Victorias Freunden fiel wortlos zu Boden. Blut strömte aus der linken Schläfe seines Kopfes. Für den Bruchteil einer Sekunde waren alle Beteiligten wie erstarrt. Der vermeintliche Polizist hatte die Waffe gezogen und schnurstracks einen Schuss abgefeuert. Mit so etwas, hatte niemand gerechnet. Niemand. Und kaum wurde realisiert, was gerade geschehen war, brach die blanke Panik aus. Schreie, Gerangel, Angst. Edvard stolperte nach hinten, sein Gesicht weiß wie Kreide. Er versuchte aufzustehen, doch die nasse Wiese hinderte ihn leicht daran; sein Blick immer noch wie gebannt auf den Schützen. Auch wurde Aleksandar nun bewusst, was gerade geschehen war. Er nahm Elise grob an die Hand und rannte mit ihr geradewegs in das Zentrum, aus welchem gerade viele andere Mitglieder ihnen entgegen kamen, die herausfinden wollten, woher der Schuss kam. Sie beide kämpften mit viel Mühe gegen die Menschenschar an und hörten ihm Sekundentakt kurze Aufschreie und verzweifelte Blicke der anderen.

Der nächste Schuss. Der Schütze musste weiter vorangekommen sein, denn die Pausen zwischen den Schüssen wurden immer kürzer. Nachdem es Aleksandar und Elise endlich gelungen war, das Zentrum zu betreten, mussten sie feststellen, dass niemand mehr da war – alle waren nun nach draußen gegangen. „Was sollen wir nun tun?“, fragte Elise mit zitternder Stimme. Der Schrecken stand ihr ins Gesicht geschrieben, selbst Aleksandars Blick war nun trübe, leer, mit kreidebleichem Gesicht. Er zuckte die Achseln. „Ich weiß es nicht, Elise, ich weiß es nicht.“

Draußen war es ruhiger geworden. Die Gruppen haben sich allesamt aufgelöst, vereinzelt hatten sie sich in den herumstehenden Zelten versteckt. Victoria war nun auf Aleksandar und Elise gestoßen. Sie war den Tränen nahe und suchte verzweifelt nach ihrem Feuerzeug, als sie die Zigarette zwischen ihre Lippen schob. „Was sollen wir nun machen?“, fragte sie aufgebracht. „Auf jeden Fall müssen wir von hier verschwinden“, sagte Aleksandar und schaute sich um. Sie hatten nicht viel Zeit, die Schritte des Schützen waren nah, sehr nah zu hören. Dann fiel ihm die Hütte hinter dem Zentrum zwischen den Bäumen ein. Sie war schon seit Jahren verlassen und wurde auch sonst nie benutzt. „Kommt“, sagte er zu Elise und Victoria und ging mit ihnen dann bis ans Ende des großen Saals. Er schaute vorsichtig aus dem Fenster. Niemand war zu sehen. „Okay“, seine Stimme klang noch leiser, „wir werden nun, nachdem ich die Türe geöffnet habe, ganz schnell zu der Hütte da drüben gehen, okay?“. Er schaute die beiden an. Sie schienen angespannt und sie zitterten. Elise nickte hastig, Victorias Blick war leer. „Victoria?“. Er berührte ihre rechte Schulter, worauf sie kurz zusammenzuckte und sagte: „Ja, ja, okay. Machen wir.“ – „Gut“. Er warf nochmal vorsichtig durch das Fenster einen Blick nach draußen. Er konnte erkennen, dass der Schütze die Zelte kontrollierte. Aleksandar schloss langsam die Augen, atmete kurz tief ein und aus und sagte schnell: „Los!“ Rasch öffnete er die Türe, hastete über die Wiese ohne auch nur einen Blick nach links zu den Zelten zu werfen, gelang zur gegenüberliegenden Hütte, öffnete schnell die etwas ältere Türe und hechtete hinein. Direkt danach kamen auch Elise und Victoria, rasch schloss er leise die Türe und die drei versteckten sich unter dem Fenster neben der Türe. Ihre Herzen rasten, alle drei schnauften heftig. Mit einer Handbewegung verdeutlichtete er, etwas langsamer und ruhiger zu atmen. Wieder fiel ein Schuss, und jemand kreischte laut auf. Direkt danach folgte ein weiterer, und es wurde mucksmäuschenstill. Victoria hielt sich die Hand vor ihrem Mund, um nicht auch gleich loszuschreien. Sie schloss ihre Augen und Tränen zierten ihr Gesicht. Elise und Aleksandar konnten sie leise schluchzten hören, worauf Elise sie in den Arm nimmt.

„Und jetzt?“, flüsterte Elise. Aleksandar zuckte leicht die Achseln und war ratlos. Was nun? Es fiel erneut ein Schuss. Mehrere folgten. Nach jedem Knall zuckten alle drei zusammen. Sie konnten die Körper auf den Boden fallen hören. Das Laufen des Schützen. Das Nachladen der Waffe. Victorias Hände zitterten. Sie atmete schnell und fing gleich an zu heulen. „I-ich muss hier weg“, schluchzte sie. Aleksandar dachte nach. Nach drei weiteren Schüssen sagte er: „Wir müssen hier raus. Zum Strand. Ans Land schwimmen. Wir haben keine andere Möglichkeit!“. Elise hielt diese Idee zuerst für eine wahnwitzige, doch nachdem sie kurz darüber nachdachte, fiel ihr keine andere Option ein – und nickte. „Okay“, schluchzte Victoria und stand auf. Die anderen beiden taten es ihr gleich und sie schauten vorsichtig aus dem Fenster. Er war nirgends zu sehen, doch mehrere tote Körper lagen auf der Wiese. Die Zelte verwüstet. „Kommt“, flüsterte Aleksandar und deutete auf das zerbrochene Fenster. Sie gingen voran und kletterten vorsichtig durch. Sie konnten auch andere sehen, die ebenfalls zwischen den Bäumen Schutz suchten. Viele lagen auf dem Boden und stellten sich tot. Die drei liefen vorsichtig, aber etwas zügiger durch den kleinen Wald. Aus der Ferne hörten sie weitere Schüsse. „Gut, er ist nicht in der Nähe, schnell!“, sagte Elise und führte sie durch das Gestrüpp.

Plötzlich stolperte Victoria über einen größeren Ast. Sie schrie laut auf und weinte nun. „Pssst“, mahnte sie Aleksandar streng und half ihr aufzustehen, doch vergebens. Victoria hatte sich das Bein verrenkt. Sie schluchzte. „Lass mich bitte nicht alleine!“. Doch schon hörten sie zügigere Schritte auf sie zukommen. Elise riss die Augen auf und formte mit ihren Lippen die Worte „Komm!“. Aleksandar schaute Victoria in die Augen und flüsterte: „Es tut mir leid.“, als er ihr den Rücken kehrte und Elise hinterherfolgte. Es fiel erneut ein Schuss, sie beide drehten sich nicht um, wollten nur selbst nicht zu seiner Zielscheibe werden – und Victoria war nicht mehr zu hören.

Die Schüssen erfolgten nun in immer kürzer werdenden Abständen. Nach einer kurzen Strecke warf sich Aleksandar mit Elise auf den Boden und flüsterte ihr ins Ohr: „Sei ganz still, er darf uns nicht mehr hören. Nicht mal atmen!“, und hob seinen Hand vor ihren Mund. Die Schritte wurden immer klarer. Nun erblickte Elise, dass nur wenige Meter vor ihnen auch Edvard auf dem Boden lag. Er schaute sie an, hob den Zeigefinger und hielt ihn sich vor den Mund. Auch Aleksandar hatte ihn gesehen. Nun waren auch dem Schützen seine Schuhe zu sehen. Sie kamen immer näher. Die Schüsse wurden immer lauter. Nur wenige Meter von ihnen wurde ein weiteres Mädchen getroffen, die gerade versuchte, über die Klippen ins Meer zu springen. Elise schloss die Augen, Aleksandar starrte ins Leere. Keinen Mucks. Er war nun direkt vor ihnen. Zwischen ihnen und Edvard. Sie konnten ihn atmen hören. Ihr Herz raste, Elises Hand zitterte heftig. Er lud nun seine Waffe nach. Es war so klar. Er blickte nun umher. Um ihn rum lagen mehrere Menschen. Viele tot, einigen scheintot. Er feuerte einen weiteren Schuss ab, auf einen vermeintlich Toten. Daraufhin zuckte Edvard zusammen – das hat der Schütze gesehen und zielte direkt zwischen seine Augen. Edvards Körper zitterte, Elise war kurz davor loszuweinen und Aleksandar wurde mit jeder Minute bleicher. Schuss. Edvards Kopf neigte zur Seite und seine toten Augen schauten nun direkt Aleksandar an, welcher nun sehr vorsichtig die Augenlider nach unten bewegte – und die Luft anhielt.

Aleksandar konnte spüren, wie er direkt die Waffe auf ihn zielte, auch wenn er es nicht sah. Er konnte sein Herz schlagen hören. Konnte er es auch? Um Edvards Kopf hatte sich nun eine kleine Blutlache gebildet. Und noch bevor Aleksandar sich mental auf seinen bevorstehenden Tod vorbereitet hatte, ertönte aus der Ferne ein Platschen, worauf der Schütze sich sofort in Bewegung setzte und in die Richtung ging, woher die Geräusche kamen. Elise seufzte auf, öffnete die Augen und sah Edvard, woraufhin sie wieder rasch die Augen schloss und Tränen nun über ihre Wange kullerten. „Komm“, flüsterte Aleksandar ihr zu und nahm sie bei der Hand. „Er ist weg“. Sie öffnete langsam wieder die Augen und stand rasch auf, um Edvard nicht sehen zu müssen. „Okay“, sagte sie mit leiser Stimme und fuhr mit ihrer Hand durchs Haar. Langsam und vorsichtig arbeiteten sie sich durch das restliche Gestrüpp. Sie konnten hören, wie schon mehrere versuchten, von den Klippen zu springen und über das Wasser versuchen, ans Land zu kommen. Auch die Schüsse konnten sie hören. Schüsse, die auf Wasser prallten. Zum ersten Mal konnten sie seine Stimme hören. Mit monotoner, kalter Stimme rief er: „Kommt zurück, lass mich mit euch spielen!“ Sie konnten viele schreien und weinen hören, fast jede Minute kreischte ein anderer auf. Elise und Aleksandar liefen nun etwas zügiger, doch plötzlich sackte er zusammen. Ein Schuss hatte ihn am linken Bein getroffen. Er verzerrte sein Gesicht, konnte sich jedoch verkneifen, aufzuschreien. Elise war total erschrocken und versuchte, ihm aufzuhelfen. „Komm, schaffst du es?“. Er nickte hastig und stand auf. Nach nur wenigen Schritten fiel der nächste Schuss und traf ihn direkt am Oberkörper, worauf hin er wieder zusammensackte und den kleinen Hügel hinabrollte. Elise schlug sich rasch die Hand vor den Mund, um nicht loszukreischen. Schnell hastete sie ihm hinterher. Ein weiterer Schuss fiel, doch niemand wurde diesmal getroffen. Der Schütze musste sie bemerkt haben, doch nun feuerte er weiter auf die Menschen im Wasser.

Aleksandar lag am Ende des Hügels auf dem Rücken und krümmte sich vor Schmerzen. An der linken Stelle seines Oberkörpers lief viel Blut aus. Bei dem Anblick konnte sich Elise ihre Tränen nicht mehr verkneifen. Sie schluchzte nun laut. Aleksandar versuchte sie zu mahnen, leiser zu sein, doch brachte er keinen Ton raus. Sie kniete sich nun neben ihm, band um die verwundete Stelle ihre kurze Jacke und hielt seine linke Hand fest. Sie schluchzte, während Aleksandar nun aufs Meer schaute. Sie waren kurz vorm Strand. Der Schütze musste weiter gegangen sein, denn die Schüsse wurden dumpfer. Er musste nun am anderen Ende der Insel sein. Aleksandar beobachtete, wie viele im Wasser um ihr Leben schwammen.

„Elise“, sagte er leise. Sie beugte sich vor.

„Hast du was gesagt?“

„Sch-Schau, die Sonne.“

Sie blickte nach vorne. Die Wolken hatten sich etwas aufgelöst. Vereinzelt waren sie noch da, doch kam die Sonne nun zum Vorschein, die ihre Strahlen auf das glasklare Wasser warf, welches am Ufer mit toten Körpern bedeckt war.

„I-ich … meine Beine sind kalt. Ich spüre nichts mehr“. Seine Stimme wurde immer leiser und dumpfer. Elise schluchzte immer heftiger. Hielt weiterhin seine Hand fest.

„Ich … muss dir was sagen“, flüsterte er. Sie blickte ihn an und bemerkte, dass er nun seine Augen schloss.

„Ja? Was willst du mir sagen?“

Er antwortete nicht sofort, hustete und schaute sie dann an: „Du bist das schönste Mädchen, das ich kenne“. Er hustete erneut. Und die Schüsse wurden wieder klarer. „Geh“, sagte er. „Geh, du schaffst es!“ Sie schüttelte heftig den Kopf und schluchzte. „Nein, nein, nein! Ich lass dich nicht alleine! Wir beide schaffen es, wir schaffen es!“ Aleksandar hustete erneut. „Mir ist kalt…“. Und Elise spürte, wie der Druck seiner linken Hand nachließ. Sie weinte nun und zitterte am ganzen Körper. „Nein, nein, nein, nein, nein!“

Sie legte seine Hand sachte auf seinen Körper, gab ihm einen Kuss auf die Stirn und stand auf. In der Ferne auf dem Meer sah sie ein Boot auf sich zu fahren. Ihre Augen wurden müde, doch lief sie langsam zum Ufer hinab. Am Strand angekommen, fiel sie auf die Knie, schloss die Augen und vergrub ihr Gesicht in ihren Händen. Die Schüsse hatten aufgehört. Das Boot kam immer näher. Elise blickte auf und die Strahlen der Sonne streichelten ihre tränenverschmierte Wange. Sie war schwach. Am liebsten möchte sie nun auch hier sterben. Die Worte des Schützen halten noch immer in ihren Ohren. „Kommt zurück, lass mich mit euch spielen!“.

Das Boot legte an und heraus kam ein größerer Mann mit Vollbart, der zu Elise hinrannte und fragte: „Hey, hey … alles in Ordnung mit dir?“. Die Worte halten dumpf in ihren Ohren, als die Augenlider dem Druck nicht mehr standhielten – und sich schlossen.

Verfasser: anonym 


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Verfasst 14. November 2012 von Icebird in category "Creepypastas von Fans

4 COMMENTS :

  1. By Steffi on

    Ich kann grad garnichts anderes sagen als… Oha.
    Die Geschichte ist Super geschrieben und wird von nun an eine meiner Lieblingsgeschichten auf dieser Seite (:

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  2. By Alakroma on

    Mann das is ja richtig traurig ;(

    Aber richtig f*cking hammer Respekt!
    Super geschrieben und ohne irgendwelche Fehler (hab zumindest keine gefunden :]).Könnte man bestimmt sogar super fortsetzen (was ich vielleicht auch mit entsprechender Erlaubnis tun werde^^)
    Gute Arbeit!

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  3. By Fränzi on

    Boah mit dem Massacer hab ich mich lange beschäftigt… Viele ersuchten ans land zu schwimmen aber einige wurden von diesem schwein erschossen das war schrecklich :/ im youtube findet man interviews von den überlebenden :(

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