Oktober 2

Der Agent von MIPA

[Ein Protokoll der ersten Aufnahme mit Subjekt H270, ein Opfer des jüngsten des „Interplanar Distress Phänomen“, das ungefähr 100 Leute bis heute mitgenommen hat. Die Zahlt steigt stetig.]

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MINISTERIUM FÜR DIE ERMITTLUNG PARANORMALER AKTIVITÄTEN

WASHINGTON, D.C.

17. Oktober 2005

An: Officer Kathe Waldheim

Von: Agent Olaf Kaspar-Gottfried

Betreff: Abteil für Untersuchungen unbekannter Wesen

MIPA FILE NO. 33-4215

LAB NO. 92475683-K 

NOTIZEN: Subjekt H270 steht unter Beruhigung und ihm wurde ein Wahrheitsserum injiziert um die Exaktheit des Berichtes um meiner eigenen Sicherheit zu gewährleisten. Das Gespräch findet einen Tag nach seiner Rettung statt. Subjekt bleibt in Bezug auf meine Person beharrend, kann jedoch den Vorfall zuversichtlich in Worte fassen.

ANFANG DES TAPES

Part I

Kaspar-Gottfried: Berichte uns bitte den Ablauf, der zu Ihrer Entführung führte.

H270: Nach Hause… Ich möchte nach Hause…

Kaspar-Gottfried:  Sie werden nach der Untersuchung zu Ihrem Wohnort zurückkehren, vorausgesetzt Sie kooperieren mit uns.

H270: Nein, nein. Nicht mein zuhause. Das Zuhause.

(Geräusch eines Schlagens. H270 kreischt, dann winselt es leise.)

Kaspar-Gottfried:  Berichten Sie uns nun bitte den Ablauf, der zu Ihrer Entführung führte.

H270: Es begann mit den Geräuschen. Sie haben sie gehört, nicht wahr? Die Geräusche? Sie kommen nachts. Leises Klicken, Brummen, Klopfen, vibrierende Töne, diese Art von Geräusche? Komplett unerklärliche Geräusche, die am Anfang normal klingen. Aber sie kommen nur nachts.

Kaspar-Gottfried:  Also haben Sie… diese „Geräusche“ entführt?

H270: Nein. Nicht im Geringsten.

Kaspar-Gottfried:  Erklären Sie es uns bitte.

H270: Die Geräusche wurden jede Nacht lauter und lauter. Ich konnte nie schlafen. Nach einer Woche Schlaflosigkeit, dachte ich mir, dass es nutzlos wäre. Ich dachte, sie würden die Kontrolle über mich haben wollen und meine Denken und Handeln steuern. Ich wollte kein Sklave von ihnen sein. Daher begrüßte ich meine Schlaflosigkeit, nutzte die Nächte, um genau auf sie zu hören. Dann bemerkte ich es… die Stimmen hatten ein Muster. Eine Sprache. Zeit verging weiterhin und ich war fest entschlossen, diese Sprache zu lernen. Und das tat ich auch. Immer wieder sagten sie dieselben Dinge zu mir.  „Es ist nicht zu spät“ „Komm her, komm schnell“. Und dann waren da die Dinge, die sich gegenseitig sagten. „Was tut er?“ „Schläft er schon?“ „Es ist okay, es ist okay. Er kommt bald“ Die aufweckenden Vögel in der Frühe unterbrachen dann ständig deren Gespräche. Dann wurden sie nur noch still. Und eines Nachts hatte ich mitbekommen, wie sie mir ständig sagten: „Komm runter und rüber. Komm runter.“ Ich dachte, sie hätten irgendwie metaphorisch gesprochen, irgendetwas wie zur Hölle gehen oder so. Aber so war es nicht. Eines Nachts fühlte ich mich einer fremden Kraft unterworfen. Ein Gesicht, der nicht meiner war, führte meinen Körper aus meinem Bett heraus. Ich wehre mich so fest ich konnte. Jedenfalls war ich dann außer Bett. Es bedeutete, dass sie aufhören, mit mir zu sprechen! Aber ich verschwand dann. Und ich ging in den Keller.

Kaspar-Gottfried:   Und wie haben Sie…?

H270: Den Spiegel gefunden? Ich wollte gerade darüber sprechen. Da war dieses warme Licht, ein bernsteinfarbenes Glühen, das aus dem Nichts kam. Das Licht zeigte auf den Spiegel. Im Grunde war der Spiegel das einzig erkennbare Objekt. Ich ging auf den Spiegel zu. Dort sah ich etwas, dass das eigenartigste war, was ich je gesehen habe und je sehen werde. Das Licht zeigte direkt darauf, der Rest des Spiegels war… dunkel. Sichtbare Schatten, die durch die Dunkelheit tanzten. Das, das waren die Stimmen. Aber sie sprachen zu viel, sprachen durcheinander, wodurch es mir schwer viel, etwas zu verstehen. Ich konzentrierte mich. Ich selektierte eine Stimme und konzentrierte mich auf sie.

(Pause)

Kaspar-Gottfried:  Und was geschah dann?

H270: Alles wurde klarer. Die Schatten zeigten ihre wahre Gestalt. Es waren kleine, verrückte Wesen. Tragische Imitationen menschlicher Form. Wie deformierte Kinder. Es tat was weh, sie so zu sehen, mit ihren gekrümmten Wirbelsäulen und verzerrten Gliedmaßen, die spastisch anmuteten. Was ich von ihren Gesichtszügen erkennen konnte… Um Gottes Willen, sie wurden gepresst und gequetscht, so etwas kann man sich nicht vorstellen. Selbst Sie als Agent, selbst Sie können sich das nicht vorstellen. Es sah aus, als wären ihre Gesichter aus geschmolzenem Kerzenwachs.

Kaspar-Gottfried:  Doch was ist mit den Stimmen? Wer war die Stimme?

H270: Das weiß ich bis heute nicht so genau. Als ich dort saß, um herauszufinden, wer das war, diese kranken kleinen Schattenkinder nur anstarrend, auf eine Antwort wartend… ich hörte ein starkes Atmen hinter mir. Die Stimme kreischte mich weiter an, immer und immer wieder, aber ich konnte nicht verstehen, was sie sagte. Ich drehte mich um. Aus dem Nichts kam ein grober Lichtstrahl. Und ich wurde blind, als es mich verschlang…

Kaspar-Gottfried:  Das Licht?

H270: Nein. Das Biest. Es kam wegen mir.

Kaspar-Gottfried:  Also sagen Sie, es hat Sie gegessen.

H270: Nein. Das Biest. Es kam wegen mir. Es hatte eine Bestimmung für mich. Und das war der Ablauf, der zu meiner Entführung führte.

Part II

Kaspar-Gottfried:  Also, was geschah, als Sie in dem Biest waren?

H270: Der erste Monat war die reine Hölle. Während ich dazu verdammt war, Schmerzen zu erdulden, Schmerzen vom blendenden Licht, das es nie auf der Erde geben müsste, ich sah Visionen.  Visionen meiner Familie, und jedem, der mich liebte. Ich schrie sie immer wieder an, bettelte um Hilfe, um mich zu retten, aber sie konnte es nicht hören! Sie konnte mich nur in ihren Gedanken hören. Und sie hörten nie Schreie. Sie hörten leise Geräusche, trommelnd und dröhnend in der Nacht … und dann hörte es auf. Es war Folter genug, zu wissen, dass sie mich verloren, ihre Panik. Ich würde nie davon träumen, sie den Kindern des Biestes auszusetzen, sie dazu zu führen, dass das verstörende Sirenenlied sie in dieses furchtbare Schicksal locken würde. Der einzige Weg, diese Geräusche zu stoppen, war aufhören zu schreien. Obwohl das höllische Licht und die Visionen weitergingen.

Kaspar-Gottfried:  Und im zweiten Monat?

H270: Da wurde ich weiser. Ich wusste es besser.

Kaspar-Gottfried:  Erklären Sie es bitte.

H270: Einige Zeit später, als ich aufhörte zu schreien, kamen die Geräusche wieder. Ich glaubte, das waren diese kleinen Schattenkinder. Als die Visionen weiterhin vor meinen Augen erschienen, kam ich zu dem Entschluss… ich musste einfach aufhören, mich darum zu kümmern. Ich lernte das Spiel der Kinder, also war es an der Zeit, das Spiel des Biestes zu erlernen. Ich zwang mich selbst dazu, dass mir meine Familie und Freunde gleichgültig sein wird, und schlussendlich, auch die ganze Erde. Mir war noch nie so klar, wie belanglos die Erde eigentlich war. Eine Hand voll zitternder kleiner Seelen krabbelt über einen Klumpen aus Stein und Wasser, sich nie um andere Dinge kümmern, außer um die anderen Seelen, die ihnen entgegen kommen. Und wissen Sie weshalb? Weil jede dieser Seelen genauso ist wie die andere. Und sie sind so mit sich selbst beschäftigt, dass sie gleichzeitig jede andere Seele lieben und hassen muss, die ihnen entgegen kommt. Und als mich der Gedanke so langsam anwiderte, wurde die Bestie stolz auf mich. Zum allerersten Mal konnte ich richtig erkennen, wo ich war. Das Licht stoppte und ich konnte mich frei bewegen. Ich war in einem sphärischen Gebiet, bestehend aus Plasma, das gleichzeitig hell und dunkel war. Und plötzlich fühlte ich keinen Schmerz mehr. Ich näherte mich dem Geist, mehr ein Schattenkind, aber zur gleichen Zeit das Gegenteil von mir. Ich würde sagen, es war ein gesundes, aber dieses Wesen ging über das Konzept der Gesundheit hinaus. Körperlichkeit hatte keine Bedeutung, es hatte auch für mich keine Bedeutung mehr. Alles was es dann tat war, seine Geisterhand auf meine Schulter zu legen und um „Akolyth“ zu sagen. Doch dann schlugen Ihre Männer den Spiegel ein. Und da war ich dann, in einer menschlichen Form, in meinem Keller liegend, wie ein gewöhnlicher Idiot! Es war absolut erniedrigend!

Kaspar-Gottfried:  Es tut mir leid, aber das war meine Aufgabe.

H270: Sparen Sie sich ihre Entschuldigungen, Mensch. Fleisch-Liebhaber!

(Geräusch eines Schlagens, dann ein schmerzhafter Schrei von H270)

Kaspar-Gottfried:  Ich möchte mich mit Ihnen nicht streiten, aber ich muss mich auch nicht selbst erklären! Erzählen Sie mir nur, was geschah, oder ich werde Sie wieder verletzen!

H270: Mir geht es gut, keine Sorge. Hören Sie einfach auf, mich wieder auf diese Art zu foltern.

Kaspar-Gottfried:  Dann fahren Sie fort.

H270: Ich weiß nicht, was es noch zu erzählen gibt.

Part III

Kaspar-Gottfried:  Erzählen Sie mir von ihren Gedanken, Träumen, die Sie seit ihrer Rettung haben.

H270: Ich würde es wohl kaum eine Rettung nennen, mit all den Alpträumen, die ich habe. Mehr blendendes Licht, mehr schmerzhaftes Leid, und wissen Sie, war das schlimmste ist?

Kaspar-Gottfried:  Was?

H270: Ich kann es nicht besiegen. Ich dachte, ich wüsste alles, ich dachte, ich hätte alles über das Gebiet und die Geister herausgefunden. Und natürlich kannte ich ihre Spiele. Aber das war offensichtlich kein Spiel. Sie brauchten mich. Und ich brauchte sie. Meine Bestimmung, ihr Schicksal.

Kaspar-Gottfried:  Es tut mir leid, aber ich kann Ihnen nicht ganz folgen.

H270: Selbstverständlich können Sie das nicht. Sie sind nur eine weitere, beliebige Seele. Allerdings weiß ich jetzt endlich, was das eine Schattenkind versuchte, mir zu erzählen, als ich vor dem Spiegel stand.

Kaspar-Gottfried:  Und das war…?

H270: „SCHAU NICHT HINTER DIR!“

(Stille. Olaf Kaspar-Gottfried räuspert sich.)

Kaspar-Gottfried:  Ich denke, das war es dann. Vielen Dank.

(Ein dumpfer Schlag)

ENDE DES TAPES

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[Als Officer Kathe Waldheim diese Nachricht erhielt, entschied sie sich, persönlich mit H270 zu sprechen, aber beachtete nicht, ihn in der Hast zu beruhigen. Sie dachte, sie hätte ihn beruhigt, als sie versprach, ihn zurück nach Hause zu bringen, wenn er das Gespräch führen würde. Doch das einige, was auf der Aufnahme des Gesprächs zu hören war, war wildes Geschrei, reißendes Fleisch und stechend lautes Gelächter. Polizeibeamte hatten nichts von Waldheims Körper gefunden, außer eines Rumpfes, Gliedmaßen und eines abgeschlagenen Kopfes. Auf den Rumpf wurde mit groben Buchstaben die Worte „NICHT ZUHAUSE“ eingeschnitzt.

H270 gilt seit diesem Tag an als vermisst und mehr Leute wurden Opfer des Interplanar Distress. Eine weitere MIPA-Datei sagt aus: „Was auch immer es nahm, wir arbeiten weiterhin daran, die Opfer zu retten. Trotz Waldheims Fehler, trotz des Verlustes von Subjekt H270, trotz all der Risiken, die wir aufnehmen müssen, müssen wir dieses Phänomen aufklären. Wir werden weiterhin Agenten auf die Suche schicken, dieses Biest zu finden, ganzgleich, wie viele Agenten ihr Leben auf dieser Mission verlieren müssen. Wir brauchen womöglich noch weitere Opfer, nur um zu sehen, ob wir die Schwachstelle finden können.“ Agent Olaf Kaspar-Gottfried wurde befördert und ist der Kopf dieser Operation. Er behauptet, er sei nicht verrückt. Er sagt, er müsse nur sein zuhause finden.]

Original: http://www.creepypasta.com/the-agent-from-mipa/


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Verfasst 2. Oktober 2012 von Icebird in category "Wesen & Personen

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