September 28

Die Nachtwache

Nicole saß auf einem Holzstuhl und schaute aus dem Fenster ihres Zimmers. Die Vorhänge waren so zugezogen, dass sie nicht nach draußen sehen konnte. Sie schaute einfach in das dunkle Nichts der Vorhänge. Nicole konnte sie im Zimmer gegenüber Reden hören. Sie ließen die Tür wohl absichtlich offen, damit sie alles hörte.

„Sie schläft einfach nicht ein“, sagte Nicoles Mutter, „höchstens ein paar Stunden in der Woche und auch nur, wenn ich im Raum bin.“

„Letzte Woche verließ ich ihr Zimmer für ein paar Minuten. Ich wollte mir einen Tee machen. Als sie aufwachte und mich nicht sah, fing sie so verflucht laut an zu Schreien. Ich habe noch nie jemanden so laut schreien gehört.“

 

Der Doktor fragte nach: “Wie lange geht das nun schon so?“

„Wochen.“

„War sie schon bei ihrem Hausarzt?“

„Ja. Er hat ihr sogar etwas verschrieben. Sie will es aber nicht einnehmen. Deswegen hat er uns gesagt, wir sollen sie um Hilfe bitten. Können sie ihr helfen?“

„Am besten spreche ich mal mit ihr.“

„Soll ich mitkommen?“

„Es wäre besser, wenn sie jetzt nicht mitreden, aber sie können ruhig zuhören.“

„Wenn sie sich sicher sind…“

„Das ist meine Arbeit, Frau Müller. Vertrauen sie mir bitte.“

Nicole hörte ihre Schritte auf dem weichen Teppich. Sie spürte, ohne sich umzudrehen, dass der Arzt direkt hinter ihr stand und ihre Mutter langsam in den Raum schlich. Der Arzt saß auf dem Boden neben ihrem Stuhl. „Hallo, Nicole“, flüsterte er.
Nicole hob ihre Hand zu einer halben Begrüßung.

„Es ist schön, dich kennenzulernen. Ich habe mit deiner Mutter und ein paar deiner Freunde gesprochen. Eine Menge Leute sind besorgt um dich. Sie denken, dass ich dir helfen kann. Wenn wir ein wenig miteinander sprechen, können wir sehen, ob sie Recht haben.“

Nicole spielte mit ihren Fingern. Sie fühlte sich lasch und träge. So fühlte sie sich immer, wenn sie drei Tage nicht schlief. Bevor sie sprach, leckte sie sich noch kurz über ihre Lippen.

„Bist du ein Psychiater?“

„Nein. Es gibt keinen wirklichen Namen für das, was ich mache. Am ehesten würde noch die Bezeichnung Berater zu mir passen. Ich arbeite mit Jugendlichen, welche ihre Behandlungen und Medikamente verweigern.“

„Du bist also hier um mich zu überreden, diese Pillen zu nehmen.“

„Ich bin hier, um herauszufinden wieso du die Pillen nicht nehmen willst und versuche eine Lösung dafür zu finden. Ich werde dich zu nichts zwingen, was du nicht willst. Können wir also ein bisschen reden?“

Nicole zuckte mit den Schultern.

„Wieso erzählst du mir nicht, wieso du nicht schlafen willst?“

„Ich will ja schlafen. Ich liebe es, zu schlafen. Zurzeit kann ich an nichts anderes denken.“

„Und wieso dann die Umstände?“

„Ich habe Angst vor dem Aufwachen.“

„Kannst du mir das etwas genauer erklären?“

„Ich habe Angst vor dem Mann, der mich beobachtet.“

„…welcher Mann?“

Nicole schüttelte ihren Kopf. Das Licht, welches jetzt durch die Vorhänge schien, schmerzte in ihren Augen.

„Es ist kein wirklicher Mann. Er sieht nicht mal wie ein Mann aus. Er sieht eher aus, wie ein… totes Tier. Er kommt in mein Zimmer, wenn ich am Schlafen bin. Es sei denn, jemand anderes ist auch dort.“

„Und wieso glaubst du, dass dich dieser Mann beobachtet?“

Nicole drehte ihren Kopf das erste Mal zum Arzt um.

„Weil ich aufgewacht bin und ihn gesehen habe… Und weil ich nicht die einzige bin. Meine Freunde… er holte sie sich alle.“

Der Arzt runzelte die Stirn.

„Erzähle mir bitte mehr…“

Nicole zuckte mit den Schultern und wandte sich wieder ab.

„Ich habe es schon allen erzählt. Es wird wohl keinen Unterschied machen, wenn ich es ihnen auch noch erzähle.“, seufzte sie, “Es begann mit Anna.“

„Deine Mutter erzählte mir von ihr. Sie war deine beste Freundin, oder?“

„Nicht wirklich. Wir waren keine wirklichen Freunde mehr, aber wir redeten trotzdem noch miteinander. Sie war die erste Person, die mir von Ihm erzählte. Es war eine Art Geistergeschichte. Sie las die Geschichte das erste Mal im Internet. Es ging um ein… Ding, das in Zimmern von Leuten erscheint.“

„Was macht dieses Ding in den Zimmern?“

„Eigentlich gar nichts. Es schaut dich nur an. Die Leute wachen auf und sehen es.“

„Und dann?“

„Die Story spaltet sich hier. Manchmal greift es die Leute an und manchmal schaut es dich nur an. Aber die Leute sagen, dass der schlimmste Moment der ist, wenn du aufwachst, du es in der Ecke deines Zimmers entdeckst und weißt, dass du nie mehr normal leben kannst.“

„Hört sich unheimlich an, aber Leute erfinden andauernd solche Geschichten.“

„Das sagte ich Anna auch. Danach wurde sie immer verrückter. Sie redete wochenlang nur noch über dieses Ding. Bis wir ihr endlich sagten, sie solle niemandem mehr davon erzählen. Die Leute würden ihr sowieso nicht glauben. Die Geschichte machte sie richtig kaputt.“

„Wer ist ‚Wir‘?“

„Jay und ich.“

„Jay. Deine Mutter erzählte mir auch von ihm.“

„Wie auch immer. Anna verlor also kein Wort mehr über dieses Ding. Wir dachten, sie hätte dieses ‚Ding‘ vergessen. Nach einiger Zeit verpasste sie für drei Tage die Schule. Als wir sie wieder sahen, sah sie richtig schlecht aus. Wir fragten sie, ob sie krank sei. Sie sagte nein und hatte einfach seit mehreren Tagen nicht mehr geschlafen. Dann sagte sie, sie hat es gesehen…“

„Es? Du meinst das Ding aus der Geschichte?“

„Ja. Sie sagte, sie wachte mitten in der Nacht auf und sah es am Rande ihres Bettes sitzen. Sie fing an zu schreien. Das Ding kroch weg und gleich darauf kamen ihre Eltern ins Zimmer. Das Ding war weg… Aber… als sie in der nächsten Nacht aufwachte…“

„Sah sie es schon wieder?“

Nicole nickte.

„Hast du Anna geglaubt?“

„Nein. Ich dachte, es wäre irgendeine dumme Geschichte. Wir dachten, sie suchte nur Aufmerksamkeit.“

„Hm… deine Mutter sagte mir, dass sie dachte, Anna stände unter Drogen. War das der Grund, wieso ihr keine guten Freunde mehr wart?“

Nicole biss auf ihre Lippen.

„Hast du niemanden von den Problemen deiner Freundin erzählt?“

„Mussten wir nicht. Anna tat das schon von selbst. Sie sagte, sie bräuchte Hilfe, aber sie wusste nicht wie oder von wem. Die ganze Schule dachte, sie wäre verrückt geworden. Sie kam auch nicht mehr zum Unterricht. Nicht, weil sie Angst vor dem Schlafen hatte. Sie hatte Angst vor dem Aufwachen.“

„Wie hast du dich als ihre Freundin gefühlt?“

„Verflucht peinlich.“

„Und wie lange dauerte dieser Zustand an?“

„Einen Monat? Vielleicht ein bisschen länger. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern. Gegen Ende redete sie nicht mehr mit uns. Sie hatte aufgegeben.“

„Kannst du dich an das letzte Gespräch mit ihr erinnern?“

„Ja. Ihre Eltern fragten mich, ob ich mit ihr reden könnte. Ich sollte ihr helfen. Eigentlich wollte ich nichts mehr mit ihr zu tun haben, aber ihre Eltern sahen so traurig aus, dass ich nicht nein sagen konnte. Ich ging also in ihr Zimmer und sah sie neben dem Fenster stehen. Sie sah ganz blass und dünn aus. Ich ging zu ihr und sagte, sie solle die Hilfe von ihren Eltern annehmen.“

„Was sagte sie darauf?“

„Sie sagte mir…“, Nicole zuckte, „Sie sagte mir, es wäre zu spät. Sie sagte immer so etwas wie: ‚Ich habe in seine Augen gesehen. Ich weiß jetzt Dinge.‘ Ich fragte sie, ‚Welche Dinge.‘, und sie antwortete nur, ‚Schreckliche Dinge‘. Danach fing sie an zu weinen und umarmte mich.“

„Vor dieser ganzen Geschichte müsst ihr euch ja sehr nahe gewesen sein.“

Nicole sagte nichts. Der Arzt machte eine kurze Pause, damit Nicole sich wieder fassen konnte.

„Was passierte danach?“

„Anna ging es ein bisschen besser. Ihre Eltern dachten, ich hätte ihr geholfen. Ich war sehr erleichtert.“

„Und dann?“

Nicole schaute weg.

„Nach der Schule schlich sie sich in eine Umkleidekabine. Wir fanden sie wenig später… erhängt an einem Duschkopf.“

Der Arzt drückte die Hände von Nicole.

„Wir dachten, dass es das Ende von ‚Ihm‘ wäre… aber dann fing Jay damit an.“

„Jay war dein fester Freund, oder?“

Nicole schaute verwirrt auf.

„Deine Mutter hat es mir gesagt.“

„Meine Mutter muss auch alles Erzählen.“

„Also, was passierte mit Jay?“

„Er war richtig fertig, nach Annas Tod. Jeder war es, aber Jay nahm es am schlimmsten. Ich verbrachte viel Zeit mit Jay. Seine Eltern waren fast nie zu Hause und ich wollte ihn nicht alleine lassen.“

„War er ein Alkoholiker?“

„Meine Mutter kann auch nie die Klappe halten.“, Nicole schluchzte, „Ja, er war ein Alkoholiker. Was nun? Wer trinkt nicht? Das war nicht der Grund, wieso ich Angst hatte.“

„Sah er das Ding auch?“

Nicole nickte. Dann fing sie zu weinen an. Sie versteckte ihr Gesicht hinter dem Stuhl, so, dass ihre Stimme fast nicht zu hören war.

„Nach dem ersten Morgen kam er zu mir. Er sah aus, wie ein Wrack. Er sagte mir: ‚Es ist alles wahr. Wir hätten ihr glauben sollen.‘ Er fühlte sich richtig schuldig.“

„Dachte Jay vielleicht, dass das Tier als eine Art Strafe zum ihm komme?“

Nicole schaute auf ihre Hände. „Er hat nichts der Gleichen gesagt. Aber es macht Sinn.“

„Hast du jemandem von Jays Problem erzählt?“

„Ja, einem Lehrer. Normalerweise würde ich einem Lehrer meine Probleme nicht anvertrauen, aber ich hatte einfach Angst, dass mit Jay das Gleiche passiert, wie mit Anna.“

„Tat es das auch?“

„Nein, ich denke nicht. Er war einfach auf einmal verschwunden.“

„Verschwunden?“

„Er rannte weg. Nach einer Woche konnte er es einfach nicht mehr aushalten. Er sendete mir eine E-Mail und erklärte, dass er abhauen wird. Er sagte mir, dass er nicht denkt, fliehen zu können. Er müsste es aber versuchen.“

Nicole hörte auf zu sprechen. In der Ecke tickte die alte Uhr. Nicoles Mutter schluchzte leise neben der Tür.

Ohne Aufforderung fuhr sie fort: „Er erzählte mir, dass er Angst um mich hätte. Angst…dass es als nächstes zu mir kommt.“

Nicole trommelte mit ihren Fingern im gleichen Takt, wie die alte Uhr.

„Und hat es das getan?“

Nun verschob sich Nicole immer wieder von einer Stuhlkante zur anderen: „Für eine Weile bekam ich jeden Tag eine neue E-Mail von Jay. Sie waren nie sehr lang. Er schrieb immer nur, dass er noch am Leben sei und er immer noch weglief. Eines Tages stoppten die täglichen Nachrichten. Seit diesem Tag habe ich nichts mehr von ihm gehört.“

„Was denkst du, bedeutet das?“

„Ich denke… dass es Jay verfolgte und was auch immer mit ihm geschah, es hatte ihn gekriegt. Weil zur gleichen Zeit, als er mit dem Schreiben aufhörte…“, sie stotterte, „habe ich es das erste Mal gesehen.“

Nicole drehte sich zum Arzt um und schaute ihm direkt in die die Augen. Ihre Augen waren von dem ganzen Weinen und fehlendem Schlaf ganz rötlich gefärbt.

„Es war drei Uhr morgens. Ich weiß nicht genau, was mich geweckt hatte, aber ‚ES‘ war genau dort, wo sie jetzt sitzen.“

„Hier? Nicht auf dem Bett?“

„Nein. Er war nicht auf dem Bett. Noch nicht. Er war nackt und schaukelte hin und her. Es sah so aus, als ob er verletzt wäre, oder so. Er war ganz blass und seine Bewegungen waren nicht wirklich menschlich.“

„Hast du sein Gesicht gesehen?“

„Nicht in der ersten Nacht. In der ersten Nacht kroch er einfach in eine dunkle Ecke und verschwand. Ich saß im Bett, umarmte meine Kuscheltiere und weinte. Ich weinte, weil ich nie geglaubt hätte, dass ich es wirklich sehen würde und ich konnte es nicht ertragen zu wissen, was das bedeutet.“

„Hast du es jemandem erzählt?“

„Nein. Ich wusste, was sie denken würden. Es wäre nämlich genau der Gedankengang, den ich bei Anna hatte. Nach der ersten Nacht hoffte ich einfach, dass es in der nächsten Nacht nicht wieder auftaucht.“

„Aber er tat es.“

„Genau… Ich wachte auch in der zweiten Nacht auf und diesmal stand er genau neben meinem Bett. Seine Gestalt war immer noch nicht sichtbar, aber er stand direkt neben mir. In der Nacht darauf sah ich ihn das erste Mal richtig. Anna hatte recht… die Augen waren das Schlimmste. Diese schwarzen Augen…“

Nicoles Mutter schluchzte laut und verließ einfach das Zimmer. Weder der Arzt, noch Nicole schauten ihr nach.

„Danach habe ich gewusst, dass es kein Entkommen gibt. Anna versuchte Hilfe zu bekommen, Jay versuchte wegzurennen… aber nichts hatte geholfen. Das einzige, was mir noch helfen konnte, war nicht mehr zu schlafen.“

„Weil er nur kommt, wenn du schläfst.“

„Genau. Wenn ich also niemals schlafe, wird er auch niemals kommen.“

„Du kannst aber nicht für immer wach bleiben.“

„Ich weiß. Es ist kein wirklich guter Plan, aber es ist wie sterben. Du weißt, dass es irgendwann passiert, aber du versuchst, so lange wie möglich zu leben. Eines Tages werde ich wieder einschlafen und es wird niemand in der Nähe sein. Dann werde ich aufwachen… und es wird da sein.“
Nicole schaute wieder zu dem geschlossenen Vorhang.

„Ich denke, selbst wenn ich in ein Krankenhaus oder so gehe, wird es einen Moment finden, in dem ich alleine bin und schlafe.“
Der Arzt schwieg.

„Darum nehme ich die Pille auch nicht. Und darum gehe ich auch nicht von selbst schlafen. Das wäre wie aufgeben und ich gebe nicht auf.“

„Weil du es Jay und Anna schuldig bist?“

Nicole zuckte wieder mit den Schultern, dann stand der Arzt auf, wischte sich die Hose und ging zur Tasche auf dem Bett. Er holte einen Becher mit Pillen und eine kleine Flasche Wasser.

„Nicole, du hast eine Menge durchgemacht. Mehr, als jeder andere in deinem Alter. Du brauchst mehr Hilfe, als ich dir geben kann. Auch deine Mutter kann dir nicht helfen. Aber wir beide wollen dich unterstützen. Glaubst du das?“
Zuerst sah es so aus, als ob Nicole wieder weinen wollte. Doch dann nickte sie.

„Der erste Schritt liegt aber bei dir. Diese Pillen sind sehr intensiv. Deine Mutter bekam extra ein Rezept für diese starken Pillen. Du musst sie nicht nehmen, aber ich möchte, dass du über etwas nachdenkst: Wenn du schläfst und wieder aufwachst, wirst du merken, dass es nichts zu fürchten gibt und dieses Ding nicht existiert.“

„Wieso habe ich ihn dann gesehen?“

„Es gibt eine Menge Gründe wieso wir Dinge sehen, die nicht existieren. Besonders, wenn wir sie erwartet haben. Angst kann das verursachen. Genau wie Trauer und Schuld. Aber ich denke, tief in dir drin weißt du, dass es nicht real ist und da wir jetzt dieses Gespräch hatten, hat es ein kleines Stück in dir auch realisiert. Ich denke, das nächste Mal, wenn du aufwachst, wirst du es wieder sehen. Aber es ist der erste Schritt in die richtige Richtung.“

Der Arzt trat zurück und legte die Pillen und das Wasser auf das Bett.

„Es liegt an dir. Ich denke, dass du es mit der Hilfe deiner Mutter und deines Hausarztes schaffst. Ich denke auch, je früher du damit beginnst, desto leichter wird es dir fallen. Denke an den Morgen danach, Nicole. Denk darüber nach, wie gut es sich anfühlen wird. Ich will, dass du es für mich tust. Und für dich.“

Dann verließ er das Zimmer. Ihr Zimmer wurde immer dunkler. Nicole drehte sich auf die Seite. Sie schaute auf die kleinen orangen Pillen und auf die Wasserflasche.
Sie schloss die Augen und hörte ganz genau hin. Es war fast nicht zu hören, aber sie hörte unbehaartes Fleisch auf dem Boden gleiten. Sie hörte ein sanftes, fast nicht hörbares Klopfen. Unförmige Gliedmaßen berührten sich gegenseitig.
War er hier? Ist er etwa immer noch hier? Hatte er sich etwa die ganze Zeit im Zimmer versteckt? Auch, während sie wach war? Er hätte direkt über ihr stehen können. Sie anschauen. Bereit, sofort zu verschwinden, sobald jemand anderes das Zimmer betreten wollte.

Nicole fühlte sich kalt. Sie rollte sich zu einer Kugel zusammen und klammerte sich an ihre Haare. Der Arzt lag falsch. Tief in ihr drin wusste sie, dass der Rake real war. Und dass es das nächste Mal, wenn sie aufwachte, noch schlimmer als der Tod sein würde.
Sie legte sich auf ihr Bett und beobachtete die Schatten an der Decke. Sie nahm die Pillen in die eine Hand und die Wasserflasche in die andere. Sie nahm zwei Pillen in den Mund und verzog das Gesicht, als sie schluckte. Pillen zu nehmen hatte sie schon immer gehasst. Dann nahm sie zwei weitere. Und zwei weitere. Dann nahm sie noch die letzten zwei und schluckte. Zum Schluss trank sie die Wasserflasche leer.

Sie wollte raus. Aber sie wollte es nicht wie Anna tun. Sie wollte nur schlafen gehen. Schlafen gehen und nie wieder aufwachen schien der einzige Weg zu sein, um zu gewinnen. Der einzige Weg, um ihn zu betrügen. Irgendwie…
Sie begann, sich wie benommen zu fühlen. Sie dachte an ihre Mutter und ein Anflug von Schuld überkam sie, aber es war bereits zu spät. Die Schatten an der Decke verschluckten den Raum und ihre Augenlider wurden ganz schwer.
Für einen Moment dachte sie, sie hätte etwas gesehen. Sie dachte, eine fehlerhafte Silhouette würde sich über sie beugen und mit ihren kalten, nassen Händen ihr Gesicht greifen wollen.

Aber dann war es scheinbar doch nichts, und sie schlief ein.


Der Arzt setzte sich an den Küchentisch. Er hatte einen kühlen Becher Tee in der Hand. Nicoles Mutter saß ihm gegenüber. Ihre Augen waren feucht.

„Danke“, sagte sie.

„Ich bin froh, helfen zu können“, sagte der Arzt.

„Ich denke, sie hat die Pillen genommen. Das wichtigste ist, dass sie die Pillen aus eigener Entscheidung nimmt.“

„Ich denke, sie hat die Pillen genommen.“, sagte Nicoles Mutter. Sie drehte ihren Kopf zur Tür von Nicoles Zimmer. Sie dachte, sie hätte etwas gehört. Dort war aber scheinbar nichts. Sie zitterte, ohne zu wissen warum. „Ich fühle mich wirklich nicht gut dabei. Meiner eigenen Tochter diese starken Pillen zu geben. Nur weil sie nicht schlafen will.“

„Nun, sie müssen sich nicht schlecht fühlen.“, sagte der Arzt und trank seinen Tee in einem Zug.

„Wieso denn nicht?“ Fragte Nicoles Mutter. Sie schaute wieder zur Tür. Sie dachte, sie hätte eine Art Klopfen gehört. Aber sie bildete sich das vermutlich nur ein.

Der Arzt grinste: „Frau Müller, diese Pillen beinhalten kein Schlafmittel oder etwas ähnliches. Sie sind nur eine Art Placebo.“
„Nicole wird morgen früh aufwachen. So sicher, wie das Amen in der Kirche.“

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Übersetzer: Kiwi

Original: http://www.creepypasta.com/the-vigil/

Anmerkung: Der Übersetzer hat die Namen der Personen durch, in der deutschen Sprache, gebräuchlichere Namen ersetzt, um den Text besser anzupassen.

Familienname Müller – Bautista
Nicole – Mayet
Anna – Brianne
Jay – Jan




Verfasst 28. September 2013 von Icebird in category "Wesen & Personen

10 COMMENTS :

  1. By Mika on

    Omg.. ich hatte die ganze Zeit Gänsehaut..
    Solche Storys muss man einfach nachts lesen. xD
    Ich trau mich weder mich umzudrehen, noch einzuschlafen ♡

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  2. By Blub248 on

    Uuuund ich hab es vertont x3
    Hat richtig spaß gemacht auch wenn ich meine Stimme etwas oft und schnell verstellen musste xD

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    1. By Alice on

      Ja und nach gerade mal einem Jahr (welch geringe Wartezeit!) habe ich auch endlich mit dem neuen Design begonnen, welches fast fertig ist. Es fehlt lediglich noch die colorierte Version des künftigen GCP-Maskottchens, dann wird es endlich veröffentlicht.

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  3. By Fe-rikkusu on

    Ich mag die Unfertigen Enden nicht. Wird das Mädchen das Wesen nochmal sehen? woher will der Artzt wissen, das sie aufwachen wird?

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    1. By David3621 on

      Er weis es weil Placebos keine Wirkung haben… Das Ende ist aber klar der Rake wird sie erwischen :D

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    2. By Moonchild on

      Kann dir leider nur die zweite Frage beantworten. ^^
      Der Arzt weiß, dass sie aufwachen wird, weil in den Pillen kein Wirkstoff war. Es war eine Placebo, also einfach eine Pille ohne Wirkstoff. Nicole denkt aber, dass sie wirkt und deswegen wirkt sie auch.. Kann dir nicht genau erklären, wie das funktioniert, aber hoffe du hast es verstanden. :)

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