November 13

Die tropfende Lady

Mein Vater war beim Militär. Im Jahr 1995, nach 20 Jahren Dienst für unser Land bei der Marine, ging er in den Ruhestand. Aber in der Zeit, bevor dies geschah, zogen wir sehr oft um… ungefähr alle 3-4 Jahre packten wir unsere Sachen und zogen in eine völlig neue Gegend.
Anfang 1989 bekam mein Vater eine gute Gelegenheit und nahm diese an. Nach 16 Stunden Flug waren wir bereits in N.A.S Sigonella, Sicily stationiert. Ich war, glaube ich, zu dieser Zeit 10 oder 11. Die verschwommenen Fetzen der Erinnerungen an diese Jahre, werden mich später immer noch verfolgen.

Unser erstes Zuhause in dieser Gegend war ein Apartment in einem Wohnkomplex mit dem Namen “Bellavista”, weit von dem Marine-Stützpunkt entfernt. Es gab eine Warteliste für Leute, welche in der Nähe des Stützpunktes wohnen wollten, deren Wartezeit in der Regel ungefähr bei eineinhalb Jahren lag. Bis man an der Reihe war, musste man sich an die Einheimischen anpassen, so gut es ging. “Bellavista” war ein schöner Platz… wir lebten im oberen Stockwerk des Komplexes und hatten von unserem Balkon einen wundervollen Blick auf die umgebende Landschaft. Wenn man bei Nacht in den Himmel schaute, sah man, wie eine schmale Lavaschicht langsam am weiterhin aktiven Vulkan Mt. Etna hinablief. Am Morgen war das meiste im Freien mit Vulkanasche bedeckt, es sah so aus wie Schnee. 

So schön und perfekt Bellavista auch für uns war, sollte es nicht länger unser Zuhause sein. Die Tochter des Landbesitzers war schwanger, verlobt und… obdachlos. Ratet mal, wer ausziehen musste? So zogen wir, mit der Hilfe des Vermieters, in ein anderes Haus.
“Motta S. Anastasia”, eine mit Kopfstein gepflasterte Stadt nahe Catania und viel näher am Marine-Stützpunkt. An dem Tag, an welchem wir in die neue Stadt fuhren, fühlte ich mich irgendwie krank. Es war ein 3-stöckiges Haus mit einer Wohnung auf jeder Etage. Ich erinnere mich nicht an die Nachbarn, allerdings waren ebenfalls beide Marine-Familien.
Und ich erinnere mich, dass ich von ihrem Geschrei immer ziemlich angenervt war.

Mein Vater öffnete die Tür und ging in den kleinen Flur. Die Straße aus Kopfsteinpflaster endete in einem Marmorboden-Eingang und einem passenden Satz Marmorstufen bis hin zur zweiten Etage, welche unser neues Zuhause war. Es war atemberaubend. Marmorböden… französische Glas-Türen im Wohnbereich… Balkone an fast jedem Raum. Badewanne… Bidet… all die Annehmlichkeiten eines modernen, europäischen Hauses.

Ich ging in das Zimmer, welches meins werden sollte. Klein, schlicht, quadratisch und ziemlich kalt. Auf der linken Seite, am Ende der Mauer, war eine Tür mit einem “Persiana”.
Jalousien aus schweren, horizontalen Lamellen, welche über ein Stoffband bedient wurden und die Tür komplett bedeckten. Ich zog die Jalousien auf und sah, dass die Tür hauptsächlich aus Glas war. Hinter der Tür sah man ein sehr kleines Zimmer mit beziegeltem Boden und ausgekleideten Wänden. Ich öffnete die Tür, betrat den Raum und sah, dass er über das dritte Stockwerk hinaus bis zu einem Loch im Dach reichte. Das Loch hatte keine Abdeckung, stattdessen führte es direkt ins Freie. Das Ganze brachte eine angenehme Beleuchtung in das einzige Zimmer im Haus, das keine Fenster hatte. Ich fühlte Kälte in diesem Raum.

Die Kälte schien aus dem anderen Raum zu kommen, obwohl das grelle Sonnenlicht ihn schon fast überhitzte. Dann hörte ich das erste mal dieses Flüstern. So als… wenn ihr eine Drahtbürste mit ihren steifen Borsten über eure Jeans reiben würdet.
Damals dachte ich, es wäre nur das Hallen des Windes an den Ziegeln… dennoch fühlte es sich seltsam an. Es kam von keiner erkennbaren Richtung… aber es umgab mich wie ein Mantel, so als ob der Ton tastbar wäre. Er drückte sich sanft auf das innere meiner Ohren, wie der Druck in einem Flugzeug, welches gerade startet oder landet. Ich drehte mich, um den Raum zu verlassen, doch da bemerkte ich einen glitzernden Abfluss in der Mitte des Fußbodens. Er war offensichtlich dafür da, dass das Regenwasser ablaufen konnte, aber mir wurde übel, als ich ihn sah. Mein Magen drehte sich, als ich hinaus lief. Ich schwöre, dass ich sah, wie sich der Deckel des Abflusses, auf dem Weg nach draußen, bewegte. Ich senkte schnell die Jalousien und kehrte zurück zu meiner Familie ins Wohnzimmer, mich schüttelnd wie ein kranker Hund.

Nun stand ich mir ein… das Zimmer war weit von der Norm für paranormalen Geister-Kram entfernt. Aber ich versuchte zu dem zu sprechen, was auch immer dort drin war.
Seit Wochen und Wochen, nahm ich meinen Mut zusammen, öffnete die Jalousien am hellichten Tag und riskierte einen Blick in das Zimmer… nur, um wieder mit Magenschmerzen und Zittern über die Türschwelle zu stolpern. Ich versuchte natürlich, es meinen Eltern zu sagen… aber wenn ein 11-jähriges Kind über ein unheimliches Ziegel-Zimmer sprach, wurde es in der Regel auf zu viele “Freddy”* und “Jason”*²-Filme geschoben.
Das Flüstern stoppte Nachts fast nie. Es war hartnäckig, von dem Zeitpunkt als ich mich ins Bett legte, bis ich irgendwann endlich einschlief. Oft wurde ich mitten in der Nacht wach und das Flüstern fing nach einem kurzen Moment des Schweigens wieder an. So, als ob es darauf warten würde, dass ich wieder wach war.

Es gab nie irgendwelche existierenden Worte unter dem Flüstern… nur ein hohles “ksssh sshhhaww hissssshhhhh haaahhh ooooshhhh aaashhhhh”, welches sich immer leicht verändert zu wiederholen schien. Es fanden sich keine Emotionen hinter dem Flüstern, soweit ich mich erinnern kann. Es war weder böse oder traurig, noch war es glücklich. Es war einfach da. Es war verdammt noch mal einfach da.

Eines Nachts, nach ca. 2 Monaten, erwachte ich aus einem besonders schrecklichen Traum.
Diese Träume schienen begonnen zu haben, als wir einzogen. Ich hatte vorher eigentlich nie irgendwelche Alpträume. Aber ich erwachte aus diesem Traum mit dem Gefühl, dass irgendetwas schrecklich, schrecklich falsch war. Sofort schossen meine Augen in Richtung Tür… und ich sah, dass die Jalousien geöffnet waren. Diese Jalousien sind das lauteste, was man überhaupt in seinem Haus haben kann. Sie sind normalerweise Metall-Lamellen, eingehakt mit Metallhaken, welche schleifen und laut quietschen, wenn sie nach oben gezogen werden.
Es gab absolut keine Erklärung dafür, dass sie geöffnet wurden, ohne dass der Krach jeden im Haus geweckt hätte. Aber sie waren etwa ¾ der länge der Tür geöffnet. Das Mondlicht spiegelte sich im Boden des kleinen Raumes und somit durch die Glastür in einem dumpfen, bläulichen Ton in mein Zimmer. Ich lag stundenlang in meinem Bett, unfähig den Blick von der Tür zu wenden, aus Angst, dort wäre etwas, wenn ich wieder zurück schaute. Ich gab nicht auf…

Der nächste Morgen kam schließlich doch noch und ich wurde von meiner “Lähmung” befreit. Ich rannte zur Tür, während mir schlecht war, und schloss die Jalousien so schnell wie nur möglich. Auf dem Ziegelboden war eine dünne Schicht aus Vulkanasche und ich schwöre, ich konnte Fußspuren oder Gesichter darin erkennen. Meine Mutter schlief noch zu der Zeit.
Sie schrie quer durch das Haus, als sie den Lärm hörte, aber ich gab nicht nach.

Im Laufe der nächsten 3 Monate wiederholte sich alles. Das Flüstern schwankte nie. Die Jalousien wurden mindestens 2 bis 3 mal in der Woche geöffnet und die Schwärze des Raumes starrte mich praktisch in meinem Bett an.
Dann, eines Nachts, war es anders. Ich hatte immer noch Alpträume von diesem Vorfall und es schauderte mich so, dass ich mich zu einem Ball zusammenrollte. Ich war wieder mitten aus einem Alptraum erwacht. Und natürlich waren die Jalousien geöffnet, aber dieses Mal über die gesamte Länge der Tür. Das Mondlicht war in dieser Nacht sehr schwach, doch ich merkte, dass etwas in diesem Raum war. Es fühlte sich für mich so an, als würde ich es sofort aus den Augen verlieren, würde ich nur einmal den Blick abwenden. Es war eine kleine Kugel, die wie eine Seifenblase schimmerte. Allerdings war es so schwach, ich konnte es kaum erkennen. Ich beobachtete, wie es die meiste Zeit schwebte. Es fing an so auszusehen, wie einige Fernseher, wenn man sie ausschaltete… es schrumpfte zu einem kleinen Lichtpunkt zusammen.

Bevor es aber verschwand, blitzte es und wurde immer größer. Es tat dies mit einer beängstigenden Geschwindigkeit und manifestierte sich in der Gestalt einer Frau. Sie sah aus wie Mitte der dreißiger Jahre und hatte dunkles, lockiges Haar… definitiv eine Sizilianerin.
Als sie vollständig zu einem festen Bild wurde, begann sie zu kreischen und schlug mit beiden Fäusten gegen die Glastür. Ihr Kopf drehte und schüttelte sich hin und her, wie wenn man eine Teekanne am Griff in der Hand hält und daran herumschüttelt. Ihre Augen waren voller Wut und Hass… Die Haut um ihren Mund flatterte locker herum und gewährte mir einen Blick auf ihre Zähne und Zunge. Ihr Haar schlug heftig und sie. Irgendeine Flüssigkeit floss in kleinen Schüben aus ihren Mundwinkeln und befleckte alles, als sie schrie. Ihr Schreien war schrecklich und schien sinnlos. Alles, was ich tun konnte, war zurück zu schreien.
Mein Vater kam ins Zimmer, weil er dachte, ich hätte wieder einen Alptraum. Die Frau wich von der Tür zurück und… bah… sie rutschte irgendwie in den Abfluss. Sie verdrehte und verzerrte sich. Ich hörte sogar ihre Knochen zersplittern und reißen, als sie sich selbst aufdrehte. Es war grauenhaft und mein Vater meinte, er habe noch nie jemanden zu unmenschlich schreien hören, wie in dieser Nacht.

Ich fragte ihn oft scherzhaft, ob er mein Geschrei meinte, oder ihres.

Übersetzerin: Alice

Original: http://www.creepypasta.com/the-drain-lady/


Schlagwörter: , , , ,

Verfasst 13. November 2012 von Icebird in category "Wesen & Personen

4 COMMENTS :

  1. By Rin on

    Ich muss zugeben, dass ich Gänsehaut bekommen habe, als ich das gelesen hab O.o Ich mag die CreepyPasta :D

    Antworten
  2. By moni on

    Offenes ende? Ich mein, das war’s? OK das enttäuscht dann etwas ich hätte mehr erwartet..

    Antworten