Oktober 4

Ein Ei

Es war ein Autounfall. Nichts wirklich auffallendes, aber so fatal sinnlos. Du hinterließt eine Frau und zwei Kinder. Es war ein schmerzloser Tod. Die Rettungssanitäter taten ihr Bestes, um dich zu retten zu versuchen, doch es brachte nichts. Dein Körper war so vollkommen entstellt, kannst du froh sein, dass du nicht gerettet werden konntest, vertrau mir.

Und dann hast du mich getroffen.

„Was… was ist geschehen?“, fragtest du. „Wo bin Ich?“

„Du bist gestorben“, sagte ich neutral, keine Sekunde zögernd.

„Da war ein… ein Truck und es war rutschig…“

„Yup“, sagte ich.

„Ich… ich bin gestorben?“

„Yup. Aber fühl dich deswegen nicht schlecht. Jeder stirbt“, sagte ich.

Du blicktest umher. Dort war das Nichts. Nur du und ich. „Was ist das für ein Ort?“, fragtest du. „Ist das das Jenseits?“

„Mehr oder weniger“, sagte ich.

„Bist du Gott?“, hattest du gefragt.

„Yup“, antwortete ich. „Ich bin Gott.“

„Meine Kinder… mein Frau“, sagtest du.

„Was ist mit ihnen?“

„Werden Sie es überstehen?“

„Das wollte ich sehen“, sagte ich. „Du bist gerade gestorben und deine größte Sorge ist deine Familie. Das ist eine gute Sache.“

Du hast mich mit einer Faszination angeschaut. Eigentlich sehe ich nicht wie ein Gott aus. Ich sehe nur wie ein alter Mann aus. Eine vage Autoritätsperson. Mehr ein Deutschlehrer als eine Allmächtigkeit.

„Keine Sorge“, sagte ich. „Sie werden es überstehen. Deine Kinder werden dich in nur guten Erinnerungen beibehalten, wie du es warst. Sie hatten keine Zeit, dich zu verachten. Deine Frau wird äußerlich weinen, aber insgeheim ist sie erleichtert. Um ehrlich zu sein, war deine Ehe zum Scheitern verurteilt. Wenn es irgendwie tröstend klingen mag; deine Frau fühlt sich sehr schuldig diesbezüglich, sich befreiend zu fühlen.“

„Oh“, sagtest du. „Was wird denn jetzt passieren? Komme ich in den Himmel oder die Hölle, oder sonst wo hin?“

„Weder noch“, sagte ich. „Du wirst wiedergeboren werden.“

„Ah“, sagtest du. „Also hatten die Hindus Recht.“

„Alle Religion haben auf ihre Art und Weise Recht“, sagte ich. „Geh mit mir ein Stück.“

Du folgtest mir, als wir in die Leere liefen. „Wohin gehen wir?“ – „Nirgendwo hin, um genau sein“, sagte ich. „Es ist nur ein gemütlicher Spaziergang, während wir uns unterhalten.“

„Also was ist dann das Ziel?“, hattest du gefragt. „Wenn ich wiedergeboren werde, werde ich wieder von Null anfangen, oder? Ein Baby. All meine Erfahrungen und alles andere werden einfach verschwinden und nichts mehr bedeuten.“

„Definitiv nicht!“, sagte ich. „Du hast in dir all das Wissen und die Erfahrung von all deinen früheren Leben. Du kannst dich im Moment nur nicht daran erinnern.“

Ich hielt inne und nahm dich bei der Schulter. „Deine Seele ist prächtiger, schöner und gigantischer, als du dir je vorstellen kannst. Ein menschliches Gedächtnis kann nur einen kleinen Teil dessen sehen, was du bist. Es ist wie einen Finger in ein Glas Wasser zu halten, um herauszufinden, ob es warm oder kalt ist. Du steckst einen kleinen Teil deiner Selbst in das Gefäß, und wenn du es wieder heraus nimmst, hast du alle Erfahrungen damit gewonnen, die es innehatte.

Die letzten 34 Jahre warst du ein Mensch, also hast du dich noch nicht ausgestreckt um den Rest deines Bewusstseins zu fühlen. Wenn wir hier länger rumhängen würden, würdest du anfangen, dich an alles zu erinnern. Aber es gibt keinen Grund, das zwischen den einzelnen Leben zu machen.“

„Wie oft wurde ich denn schon wiedergeboren?“

„Oh, oft. Sehr, sehr oft. Und in den verschiedensten Leben“, sagte ich. „Dieses Mal wirst du ein chinesisches Bauernkind des Jahres 540 nach Christus sein.“

„Moment, was?“, stottertest du. „Du schickst mich zurück in die Vergangenheit?“

„Nun, technisch gesehen schon. Du musst wissen, Zeit existiert nur in deinem Universum. Die Dinge funktionieren anders, wo ich herkomme.“

„Woher kommst du?“, sinniertest du.

„Oh natürlich!“, erklärte ich. „Ich komme von Irgendwoher. Irgendwo anders. Und dort gibt es mehr von meiner Sorte. Ich weiß, du würdest gerne wissen, wie es dort ist, aber um ehrlich zu sein, wirst du es nicht verstehen werden.“

„Oh“, sagtest du, ein bisschen enttäuscht. „Aber warte. Wenn ich zu verschiedenen Orten Zeiten wiedergeboren werde, könnte ich dann mit mir selbst interagieren, wenn ich mich treffen würde?“

„Na sicher. Geschieht die ganze Zeit. Und wenn die beiden Leben sich nur in ihrer eigenen Zeitspanne bewusst sind, weißt du nicht einmal, das es geschieht.“

„Also was ist der Sinn dahinter?“

„Ernsthaft?“, fragte ich. „Ernsthaft? Du fragst mich nach dem Sinn des Lebens? Ist das nicht ein bisschen… stereotypisch?“

„Nun, es ist eine angemessene Frage“, beharrtest du.

Ich blickte in deine Augen. „Der Sinn des Lebens, der Sinn, weswegen ich das ganze Universum erschuf, ist, damit du verfällst.“

„Du meinst die Menschheit? Du möchtest, dass wir verfallen?“

„Nein. Nur du. Ich erschuf das ganze Universum nur für dich. Mit jedem neuen Leben wurdest du erwachsener und verfallener, und du wurdest ein größerer und großartigerer Intellekt.“

„Nur ich? Was ist mit all den anderen?“

„Da gibt es keine Anderen“, sagte ich. „In diesem Universum gibt es nur dich und mich.“

Du hast mit einem leeren Blick angestarrt. „Aber all die Leute auf der Erde…“

„…bist alle Du. Verschiedene Wiedergeburten von dir.“

„Warte. Ich bin Jeder?“

„So langsam begreifst du es“, sagte ich mit einem beglückwünschenden Schlag auf seinen Rücken.

„Ich bin jedes menschliche Wesen, das je lebte?“

„Oder das noch leben wird, genau.“

„Ich bin Abraham Lincoln?“

„Und du bist auch John Wilkes Booth“, fügte ich hinzu.

„Ich bin Hitler?“ fragtest du, entsetzt.

„Und du bist die Millionen, die er tötete.“

„Ich bin Jesus?“

„Und du bist Jeder, der ihm folgte.“

Du wurdest still.

„Jedes Mal, wenn du jemanden bestraft hattest“, sagte ich. „Hattest du dich selbst bestraft. Jede Tätigkeit, die andere glücklich machte, hast du für dich gemacht. Jeder glückliche und traurige Moment, den ein Mensch hatte und noch haben wird, wird von dir erlebt.“

„Wieso?“, fragtest du mich. „Wieso das alles?“

„Weil du eines Tages so sein wirst wie ich. Deshalb ist es so. Du bist einer von meiner Sorte. Du bist mein Kind.“

„Wow“, sagtest du skeptisch. „Ich bin Gott?“

„Nein. Noch nicht. Du bist ein Fötus. Du bist immer noch am Wachsen. Wenn du eines Tages jedes menschliche Lebewesen zu jeder Zeit durchlebt hast, wirst du ausgewachsen sein und geboren werden.“

„Also ist das ganze Universum“, sagtest du „es ist nur…“

„Ein Ei der Sorte“, antwortete ich. „Doch jetzt ist es Zeit, dich auf dein nächstes Leben vorzubereiten.“

Und mit diesen Worten schickte ich dich zurück auf deinen Weg.

Original: http://www.creepypasta.com/an-egg/


Schlagwörter: , , , , ,

Verfasst 4. Oktober 2012 von Icebird in category "Eigenartiges & Unbekanntes

17 COMMENTS :

  1. By Dye on

    Stimmt alles irgendwie… aber wir sind doch nicht Jeder…?? Oder etwa doooch??? XD

    Antworten
  2. By Ileni on

    Mmm…falsche Übersetzung würde ich mal sagen in dem Teil: „Du meinst die Menschheit? Du möchtest, dass wir verfallen?“ (im englichen Text steht mature, was zwar auch verfallen bedeutet, aber eben auch heranreifen, sich entwickeln, ausreifen, was in diesem Kontext natürlich solch eine Bedeutung hat und nicht VERFALLEN!!!!) Das gibt dem ganzen Text natürlich eine völlig andere Bedeutung!

    Antworten
  3. By k0echin on

    Ist es denn wirklich so schwer, auf Gott zu verzichten und aus anständigen Gründen an sich zu arbeiten und zu versuchen, ein besserer Mensch zu sein? „Was du nicht willst das man dir tu etc…“ ohne die Vorstellung eines eigenen Universums und die Aussicht, selber Gott zu werden, reicht wohl nicht…
    Halbwegs elegante Eso-Phantasie mit gruselig egozentrischem Kern.

    Antworten
  4. By Kalle on

    Woah. Ich dachte früher auch dass es so ist und jetzt lese ich diese Geschichte. Hart.

    Antworten
  5. By Gabriel on

    Oh my f**king god! Ohne scheiss, ich fühle mich gerade als hätte ich sie totale Erkenntnis, den Sinn des Lebens… Alles verstanden! Als hätte ich nun kosmische Weisheit erlangt die mein Bewusstsein auf die ultimative Stufeder Erkenntnis gefunden!!! …ich geh mir eben nen keks holen…
    super pasta!

    Antworten
    1. By HisMajesty on

      Ich mach mit. wir werden Hohepriester :-D Und wir predigen, Liebe, freude und Gras :-D

      Antworten
  6. By Gargoyle on

    Fühlt sich nicht so an wie andere Pastas, aber definitiv eine der beste Kurzgeschichten die ich kenne – vielen dank fürs übersetzen!!!

    Antworten