Oktober 16

Erdrosseltes Rot

Es gibt eine Menge Geschichten über diese gehackten Pokémon-Spiele. Manche von denen sind ganz cool, wie das, wo man den Geist als Starter hat. Manche sind eher kurios, dumme Geschichten über Leute, die nach dem Spielen gestorben sind oder dass das Spiel mit ihnen gesprochen hat. Gott, wissen diese Autoren nicht, dass weniger manchmal mehr ist? Nun gut, ich schweife ab.

Ich fing an, mich für diese gehackten Spiele, die ab und an in Gebrauchtwarenläden oder auf eBay verkauft bzw. von Obdachlosen ausgehändigt werden, zu interessieren. Ich hatte nicht das Vergnügen, eine dieser gruseligen Personen zu treffen. Ich hab bloß dieses spezielle Modul im Abfall gefunden, als der Müllwagen die Mülltonne meines Nachbarn umgeworfen hatte. Ich bemerkte das Spiel und fragte den Müllmann, ob ich es nehmen könnte und es schien ihm nichts auszumachen. Es war sowieso weggeworfen worden. Natürlich fragte ich bei meinen Nachbarn, ob sie es wirklich nicht wollten. Diese wirkten aber perplex, als hätten sie es niemals in ihrem Leben gesehen. Ihr Sohn versuchte es zu greifen, ein kleiner Junge, der das Glurak auf dem Cover sah und „Pokémon! Ich will es, Mami!“ rief, aber seine Mutter sagte nein, da ich es gefunden hatte. Er hatte noch nicht mal einen Game Boy, er mochte bloß Pokémon. 

Ich dachte mir nichts dabei und ging einfach nach Hause; auf dem Weg sah ich mir den Aufkleber des Moduls an. Nur eine gewöhnliche alte Rote Edition, der Aufkleber war am Nacken des Glurak leicht gerissen, aber das war bei einem so alten Spiel zu erwarten. Ich hatte die Blaue Edition als Kind, also war ich ein wenig gierig darauf, die minimalen Unterschiede der Roten Edition zu sehen.

Ich war ziemlich enttäuscht, als ich den Titelbildschirm sah:

„Pokémon: Erdrosselte Rote Edition.“

Na super, es war ein Hack. Hacks waren zwar ganz nett, aber sie hatten keinen materiellen Wert. Die Originale sind inzwischen recht wertvoll, aber ich wollte sowieso Rot spielen und nicht diesen Mist. Na gut, es war umsonst gewesen, ich könnte es genauso gut ausprobieren. Der Name war allerdings komisch, Erdrosselte Rote Edition? Das machte keinen Sinn. Nicht Mal im Zusammenhang damit, wenn jemand erstickte, denn gewürgte Menschen werden blau, nicht rot. Wer weiß, vielleicht war dieser Hack ein Paar und ich hab die Rote Edition davon bekommen.

Je mehr ich darüber nachdachte, desto interessierter wurde ich. Meine anfängliche Enttäuschung wurde zu Neugier. Ich wollte wissen, was der Erschaffer getan hatte und ich würde alles zur Kenntnis nehmen, was ich sehe. Das erste Komische, was ich sah, war, dass der Startbildschirm anstatt des Glumandas ein Glurak neben dem Trainer stehen hatte. Außerdem wechselten die Pokémon nicht wie in den originalen Editionen, sondern es blieb Glurak – sogar nachdem ich 5 Minuten gewartet hatte. Ich zuckte mit den Achseln und drückte auf Start. Dort bemerkte ich, dass das Glurak keinen Ruf ausstieß, was es sonst hätte tun sollen.

Ich sah, dass es eine „Weiter“-Option gab, also dachte ich mir, dass ich das tun sollte, was jeder mit gebrauchten Spielen macht und nachsehen sollten, was der vorige Besitzer getan hatte.

„…Nein…“

Ich blinzelte vor Überraschung. Nein? Was war damit gemeint, nein? Das Spiel wollte mich nicht weiterspielen lassen, egal, was ich tat. Allerdings, beim vierten Versuch hörte ich den Ruf von Glurak, ruhig und fast nicht hörbar, aber er war da. Ich nahm es hin und entschied mich, ein neues Spiel zu beginnen. Das hätte ich eh getan, nachdem ich mir die alte Datei angesehen hatte.

Der Bildschirm wurde eine Weile schwarz. Kein Prof. Eich, keine Startmelodie, einfach nichts. Endlich war der Bildschirm wieder zu sehen. Er zeigte ein Zimmer, zwei Betten, zwei Fernseher und einen Computer in der Ecke. Mein Trainersprite war der übliche aus der originalen roten Edition. Ich fragte mich, warum ich nicht nach meinem Namen gefragt wurde. Dies wurde beantwortet, als ich das Start-Menü öffnete und bemerkte, dass mein Trainer „Steven“ hieß. Nein, das ist nicht mein echter Name oder so ein dummer Mist. Das Spiel hat kein Bewusstsein und ist nicht besessen. Zumindest weiß ich nichts davon, das Spiel hatte den Namen einfach schon gewählt.  Neugierig bemerkte ich, dass er das Startbudget an Geld und keine Orden hatte. Er sah allerdings nicht wirklich nach Rot aus. Sein Haar war länger, es reichte fast die Hälfte seinen Rücken herunter. Rot’s übliches Lächeln war mit einem selbstbewussten Grinsen ersetzt worden. Ehrlich gesagt, ich fand diesen Sprite viel cooler als Rot.

Als nächstes überprüfte ich seine Pokémon, ein einzelnes Glumanda, Level Fünf, Spitzname „Miki“. Nichts war seltsam an ihm…oder sollte ich sagen an ihr, auf Grund des Namens und so. Sie hatte die Anfangswerte eines Glumanda und kannte Kratzer und Rutenschlag, der übliche Kram. Das Spiel wirkte relativ normal. Ich kehrte zum Spiel zurück und lief im Zimmer herum. Dort bemerkte ich, dass Steven’s langes Haar auf dem Rücken meines Trainersprites zu sehen war, wenn man ihn gegen die Kamera drehte. Ich erkannte das Haus nicht, aber ich stieg die Treppen herab, um mehr zu sehen. Unter war noch ein anderer Trainer, der sofort zu mir sprach, nachdem ich eingetreten war.

Mike: Bist du fertig?

Steven: Yeah.

Ich nahm an, dieser „Mike“ war mein Rivale. Höchst wahrscheinlich ein Ersatz für Blau. Allerdings erinnerte ich mich an das Zimmer, das zwei Betten hatten und ich realisierte, dass sie nicht einfach nur Rivalen waren, sondern Brüder. Sie sprachen miteinander. Übliche Pokémon-Dialoge, ein Pokémon-Meister werden, alle zu fangen, solche Dinge. Dann hatten sie einen kleinen Streit, wer besser war, Glumanda oder Schiggy, was natürlich in den Einleitungskampf führte – wie derjenige gegen Blau im Labor. Einfach genug – Kratzer, Tackle, Kratzer, Tackle. Ich gewann bloß, da ich zuerst angreifen durfte. Ich bemerkte, wie viel besser Steven’s Sprite im Kampf im Vergleich zu Rot’s aussah. Eine andere Pose, sein Haar sah aus, als wehte es im Wind. Zwar nur eine kleine Verbesserung, aber trotzdem viel schöner. Nach einem kleinen Geplänkel mit meinem „Bruder“ verließ ich das Haus und wurde vom Alabastia-Theme begrüßt. Ich ging nach Osten und fand heraus, dass dies wirklich Alabastia war, das Haus war bloß im westlichen Außenbezirk platziert worden. Ich wanderte herum und entschied mich, Rot’s Haus anzusehen. Seine Mutter war daheim und als ich sie ansprach, redete sie darüber, wie gut Steven aussah und dass ihr Sohn ihn als Vorbild wählen würde, wenn er nächstes Jahr ein Trainer werden würde. Das brachte mich natürlich dazu zu realisieren, dass das Spiel ein Jahr vor dem originalen Pokémon stattfand. Rot war sogar oben und spielte das SNES in seinem Zimmer. Er meinte: „Ich werde ebenfalls der Beste sein, wenn ich an der Reihe bin!“

Ich begann, diesen Hack zu mögen. Er war interessant, ein komplett neues Abenteuer, ein anderer Charakter. Zur Hölle, Steven schien sogar eine Hintergrundgeschichte mit den Leuten in der Stadt zu haben, einen Ruf, eine Persönlichkeit weit über einem stillen Protagonisten. Die Leute in der Stadt sprachen mit ihm wie mit einer Person und führten Gespräche – nicht bloß diesen Tutorialmist. Sogar Blau’s Schwester hatte einen neuen Dialog. Sie schienen in einer Beziehung zu sein, da der Dialog mit einem Kuss und einem Herz über ihrem Kopf endete.

Prof. Eich wünschte mir bloß viel Glück und gab mir einen Pokédex, um mein Abenteuer zu unterstützen. Er gab ihn mir nicht als Grund für das Abenteuer, wie all die anderen Pokémon-Spiele das darstellen, sondern aus reiner Freundlichkeit, etwas, um mir auf meinem Weg zu helfen, ein Geschenk. Ich mochte es mit jeder Sekunde mehr und mehr, das Spiel schien diesmal eine wirkliche Geschichte zu haben! Ich war jemand, nicht bloß ein Klon-Protagonist, der jeder sein könnte, kein weißes Blatt Papier, das einfach ersetzt werden konnte.

Die Geschichte war anders, allerdings blieb das Gameplay unverändert. Ich ging nach Norden, wie von mir verlangt wurde, ging von Stadt zu Stadt, sammelte Orden und erhielt den Lob der Leiter. Steven’s Ruhm schien sich sogar auszubreiten, da manche NPCs mit ihm sprachen, als würden sie ihn kennen.

Ich benutzte Miki für jeden Kampf und sie wuchs überraschend schnell. Sie hatte keine Probleme mit Rocko und stampfte sogar Misty ohne Schwierigkeiten in Grund und Boden. Sie erhielt keine Nachteile von sehr effektiven Attacken und machte mehr Schaden als ein gewöhnliches Glumanda – sie war ein wahres Kraftpaket! Sie wurde sogar schon auf Level 25 zu einem Glurak – nicht schlecht.

Die Dinge wurden merkwürdig, als ich Lavandia erreichte. Ich weiß, ich weiß, Lavandia ist der Schwerpunkt hinter jeder gruseligen Geschichte und so, aber es war der einzige Ort, der sich bemerkbar unterschied. Es gab keine Team-Rocket-Invasion, was ich merkwürdig fand. Allerdings erinnerte ich mich, dass das Spiel ja ein Jahr in der Vergangenheit spielte, die Invasion würde erst zu Rot’s Zeit anfangen. Ich versuchte den Pokémon-Turm zu betreten, ich wollte nämlich ein Nebulak, aber da wurde es merkwürdig.

Steven: Ich hab keinen Grund, hier zu sein…

Egal was ich tat, Steven wollte nicht in den Pokémon-Turm gehen. Das war echt komisch. Ich meine, zur Hölle, es gibt eine Million Orte in Kanto, wo du nicht sein musst (wie die willkürlichen Häuser mit nichts als Kinder-NPCs drin z.B.). Warum wollte Steven hier nicht eintreten? Mit einem Achselzucken dachte ich mir, dass ich kein Nebulak brauchen würde, da Miki alles allein hinkriegen würde. Also machte ich mich auf den Weg – Lavandia wirkte nur wie ein weiterer Durchgang mit einem Pokémon-Center.

Das Spiel ging ab hier normal weiter. Die verbliebenen Arenen fielen und ich schaffte es endlich zu den TOP4 und besiegte sie. Anstatt Blau war mein „Bruder“ Mike dort, der den Championship-Kampf auslöste und von Miki mit Leichtigkeit gewonnen wurde. Das Nachspiel dieses Kampfes war recht angenehm. Es gab nicht diese Anspannung, die zwischen Rot und Blau nach ihrem Kampf herrschte. Die Brüder gratulierten sich gegenseitig zu ihrem Fortschritt und schüttelten ihre Hände, bevor der Bildschirm weiß wurde und weder die Ruhmeshalle noch der Abspann lief.

Als der Bildschirm wieder zu sehen war, war ich wieder im Haus. Die zwei Brüder saßen am Computer und sprachen miteinander.

Steven: Ich will das nicht…

Mike: Komm schon, ich muss sie mir für den Pokédex ausleihen. Er wird sie nicht registrieren, wenn ich nicht wenigstens für eine Sekunde ihr Meister bin.

Steven: Aber sie ist meine Miki…

Mike: Ich verspreche dir, dass ich sie zurückgebe. Komm schon. Bitte?

-> Ja?

Nein?

Ich war ein wenig perplex, also wählte ich vorsichtshalber Nein.

Mike: Komm schon. Bitte?

Ich realisierte, dass sich dies einfach ständig wiederholen würde, also wählte ich Ja, nur um zu sehen, was passieren würde.

Mike: Alles klar! Das wird nur eine Sekunde dauern, dann sind wir beide Pokémon-Meister!

Steven: ………..

Der Bildschirm zeigte die Animation des Pokémon-Tauschs. Ich fand das etwas komisch, schließlich war ich allein. Wie auch immer, das sollte anscheinend passieren. Miki wurde zuerst getauscht. Ich sah faul zu, als sie die Tauschröhre hinunterwanderte.

SCHNIPP!

Ich sprang vor Schreck auf. Dieses plötzliche Geräusch in meinem leisen Zimmer – es war so laut, da der Ton hochgedreht war. Ich sah auf den Bildschirm und bemerkte, dass das Spiel sich aufgehangen hatte. Miki war immer noch mitten im Tausch, aber das Spiel tat nichts. Mit einem Seufzer schaltete ich das Spiel aus und fragte mich, wann ich das letzte Mal gespeichert hatte. Als ich das Spiel wieder anschaltete, starrte ich für einen Moment den Startbildschirm an. Da war kein Glurak neben dem Trainer. Nachdem ich Start gedrückt hatte, sah ich, dass Neues Spiel nicht verfügbar war, bloß weiter. Das war…zumindest merkwürdig, also wählte ich es und das Spiel startete ohne meine üblichen Statuswerte zu zeigen.

Ich wurde von etwas begrüßt, was mir die Kinnlade nach unten fallen ließ.

EIN JAHR SPÄTER

Zuerst hörte ich den Theme von Lavandia – in seiner völlig normalen Art – und dann erschien der Bildschirm langsam aus der Schwärze. Steven befand sich im Pokémon-Turm, was die Musik noch merkwürdiger machte – der Pokémon-Turm hat schließlich seinen eigenen Theme. Er stand vor einem Grabstein und tat gar nichts. Ich fragte mich, was los war und drückte A.

Steven: ….

Ich war verwirrt und versuchte zu laufen. Dort bemerkte ich, dass ich tatsächlich die Kontrolle hatte. Ich öffnete das Start-Menü und prüfte meine Pokémon. Miki war weg. Nicht nur Miki, alle Pokémon. Er hatte nichts. Der Pokédex fehlte im Menü und sein Beutel war leer. Ich war nun ernsthaft besorgt und prüfte seine Trainerkarte.

Er hatte kein Geld. Er hatte keine Orden. Seine Spielzeit betrug 8.795, was unmöglich war – ich hatte bloß 30 Stunden gespielt. Aber das war nicht das Merkwürdigste.

Sein Bild, das Bild von dem gut aussehenden, selbstbewussten, jungen Trainer war… anders. Seine Augen waren leer, sein Gesicht sah ein wenig betrübt aus, sein Grinsen war verschwunden und mit keinerlei Ausdruck ersetzt worden, sein langes Haar – vorher in perfektem Zustand – war nun schmutzig und ungepflegt. Ich konnte ihn nicht länger ansehen, also schloss ich das Menü und begann, den Turm zu verlassen. Aber mit jedem Schritt, den ich mich vom Grabstein entfernte, flimmerte der Bildschirm – als wäre ein Pokémon vergiftet. Ich schluckte und sah mir noch einmal die Trainerkarte an. Sein Bild sah schlimmer aus. Mit jedem Schritt, den ich tat, neigte sich sein Kopf dem Boden zu, seine Schultern sackten ab und er beugte sich nach vorne. Als ich den Turm verlassen hatte, war er auf seinen Knien und hatte die Hände vor seinem Gesicht – sein Haar hing um ihn herum.

Ich hatte schon Vermutungen gehabt, was passiert war, aber dies gab den Ausschlag. Ich begann in meinem Geist das Puzzle zusammenzusetzen. Ich hatte mich immer gewundert, warum in den originalen Spielen kein Champion vorhanden war bis auf deinen Rivalen. Warum du es bist, der Protagonist, der den Rivalen besiegen muss. Als er gerade angetanzt kam, gab es keinen vorigen Champion zum Herausfordern. Dann traf es mich. Die Antwort war direkt vor meinen Augen.

Der vorige Champion gab auf.

Seine wertvolle Miki war anscheinend tot und mit ihr starb ein Teil von ihm. Sein Pokédex, die anderen Pokémon, seine Orden, sein Ruhm, alles davon hatte er fortgeworfen. In diesem Jahr, das Jahr, dass ich verpasst hatte, das Jahr, aus dem all die Stunden kamen (ich hatte es sogar berechnet, es sind 8.765 Stunden in einem Jahr und mit meinen 30 passt das).

Trotzdem ging das Spiel weiter. Ich dachte, dass hätte das Ende sein müssen. Ich meine, was sollte man sonst noch tun können? Ich hatte keinen Pokédex, keine Pokémon, ich hatte gar nichts. Was wurde von mir verlangt? Ich sprach mit jedem in der Stadt, aber sie sagten alle ähnliche Dinge.

„Bist du ok?“

„Ich merke, dass du immer noch trauerst…“

„Es wird alles wieder gut…“

„Bitte…Gibt es nicht irgendwas, was wir tun können?“

Steven antwortete ihnen niemals und sie sagten alle dieselben Dinge – immer und immer wieder. Ich konnte das Spiel jetzt nicht weglegen, das war alles zu eigenartig. Neugierig ging ich ins hohe Gras und traf irgendwann auf ein Rattfratz. Kein Pokémon wurde in den Kampf geschickt, nur Steven’s Sprite. Ich fragte mich, wie ich kämpfen würde.

Das wilde RATTFRATZ lässt dich allein.

Der Kampf endete ohne dass irgendwas passierte. Das war zweifellos interessant und passierte mit jedem anderen Pokémon, das ich traf.

Das wilde TAUBSI ignoriert dich.

Das wilde PONITA geht weg.

Auch änderte sich niemals die Musik. Es war völlig egal, wo ich hinging, ich wurde von der Lavandia-Musik begleitet. Manchmal wurde sie etwas langsamer, manchmal nicht. Ich suchte überall, durchsuchte jede Stadt, sprach zu jedem und fragte mich, was zur Hölle ich zu tun hatte. Meine Frustration vermischte sich mit der depressiven Atmosphäre. Die Erfahrung entnervte mich und ich fühlte mich unbehaglich, aber ich konnte mich nicht davon losreißen. Ich wurde ein wenig ärgerlich. Niemand sagte etwas bis auf dass sie ihr Mitgefühl ausdrückten und versuchten mir Items wie LIMONADE oder KAFFEE zu geben, auf die Steven immer so reagierte.

Steven: ….Nein…

Ich schlug mich selbst für meine Idiotie. Ich realisierte plötzlich, dass die Lösung natürlich Alabastia war. Es dauerte lange dort hinzukommen. Ich musste laufen, ich hatte kein Pokémon zum Fliegen, kein Fahrrad zum Fahren und Steven schien sich bloß halb so schnell fortzubewegen. Als ich dort ankam, hatte es sich nicht sehr verändert. Ich probierte zuerst mit Prof. Eich zu sprechen.

„Diese Dinge passieren…du hattest bloß Pech.“

Als nächstes versuchte ich Blau’s Schwester.

„Bitte…verlass dein Zuhause nicht wieder…“

Rot’s Mama wollte noch nicht mal mit sprechen. Ich hatte niemand anderen sonst im Sinn und ging nach Westen, wo das Haus vom Anfang stand. Ich hatte es niemals betreten, nachdem ich Alabastia verlassen hatte. Drinnen befand sich Mike, aber es brachte nichts, mit ihm zu sprechen:

Mike: Es tut mir so Leid…

Ich überlegte für einen Moment, ob das wirklich das Ende war. Dass Steven dazu verdammt war, nichts anderes zu tun als Kanto in Elend getränkt zu durchstreifen, von seinen Erinnerungen verfolgt und dazu gezwungen, das Mitgefühl aller anderen zu ertragen. Als letzten Versuch, etwas zu unternehmen, ging ich in das Zimmer der Brüder und lief zum Bett.

Steven: Ich werde schlafen gehen…

Der Bildschirm wurde für einen Moment schwarz und dann kam er wieder zurück – die Welt war in leichte Schwärze getaucht. Mike’s Sprite lag auf dem anderen Bett, also nahm ich an, dass es Nacht war.

Steven: Ich werde es tun…

Was tun? Ich hatte mal wieder keine Ahnung und versuchte alles in dem Zimmer zu untersuchen – nichts passierte. Als ich das Haus verließ gab es einen weiteren Dialog.

Steven: ES kann sie zurückbringen…ES kann alles tun…

Was zur Hölle war ES? Etwas, das alles tun konnte. Ich hatte keine Ahnung, wie ich das herausfinden sollte. Ich wanderte herum und versuchte Alabastia auf dem üblichen Weg zu verlassen.

Steven: Nicht dieser Weg…

Er wollte nicht weitergehen, also probierte ich die Häuser.

Steven: Die können mich mal…

Ich hob meine Augenbraue an. Ich vergaß für eine Moment, dass das kein echtes Pokémon-Spiel war, die Anstößigkeit hatte mich überrumpelt. Ich fuhr damit fort, mich umzusehen, aber ich konnte nirgendwo hingehen – bis ich versehentlich auf das Meer trat. Steven lief in das Meer hinein und man konnte nur noch die obere Hälfte seines Sprites sehen – wie bei den Schwimmern in der Azuria Arena. Ich hatte keine Ahnung, dass er schwimmen konnte.

Steven: Das fehlende Teil… (Anmerkung: Missing one im Englischen)

Das fehlende Teil? Ich pausierte einen Moment…nein, das konnte er nicht wirklich mein…das. Ich hatte den MissingNo Trick auf diesem Hack nicht ausprobiert, aber das passte einfach zu gut zusammen – das musste es sein, was er gemeint hatte. Ich „surfte“ den ganzen Weg zur Zinnoberinsel. Stille. Die Lavandia-Musik hatte aufgehört. Es gab kein einziges Geräusch und auch kein einziges Pokémon. Ich machte einfach weiter und landete auf der Zinnoberinsel. Ich surfte an der Ostküste auf und ab und hielt mich bereit.

Wildes MISSINGO erscheint!

Steven: Meins…

Wildes MISSINGNO wurde gefangen!

Was zur Hölle? Steven hatte nichts getan. Er hatte diese Scheußlichkeit aus zerstörten Daten einfach dazu kommandiert, mit ihm zu kommen – nein, in seinen Besitz zu übergehen – und es hatte es getan. Dies alles verstörte mich mehr und mehr. Ich prüfte das Startmenü und sah, dass MissingNo nicht in meinem Team war. Stattdessen war es ein Item, was noch eigenartiger war. Ich prüfte ebenfalls die Trainerkarte. Steven hatte mir den Rücken zugewandt, sein langes Haar fiel ihm über den Rücken und seine Hände waren in den Taschen – sonst nichts. Ich erinnerte mich daran, was er am Anfang der Nacht gesagt und realisierte, wohin ich zu gehen hatte.

Ich surfte zum Land und machte mich auf den Weg nach Nordosten. Wohin sonst – Lavandia. Auf dem Weg dorthin bemerkte ich, dass all die Trainer (komischerweise zu dieser späten Stunde noch draußen) Steven nicht ansehen wollten. Alle Trainer drehten sich um, sobald er passierte, sogar die, die sich normalerweise nicht bewegten. Ich versuchte zu einem der Polizisten in dieser Art Sicherheitshäuschen zu sprechen.

„Geh einfach…“

Sie sagten alle dasselbe, nur eines ließ mir einen Schauer den Rücken hinunterfahren.

„Manchmal ist der Tod das Beste.“

Zu diesem Zeitpunkt waren meine Hände schweißnass. Steven wollte das Unmögliche versuchen. Etwas, was manche als Verbrechen an der Natur sehen würden und was die meisten Leute in dem Spiel wohl so sahen. Ich bereitete mich mental darauf vor. Es war bloß ein Spiel und ich würde es beenden.

Es dauerte eine Ewigkeit, den Pokémon-Turm zu erreichen, aber endlich kam ich dort an. Ich atmete tief ein und machte mich auf den Weg zu dem Grabstein. Ich erinnerte mich daran, welcher es war. Das Bild, wie Steven vor ihm stand, war in meinem Geist eingebrannt. Als erstes versuchte ich, ihn zu inspizieren.

Steven: Miki…

Nichts passierte. Ich schluckte und öffnete Menü. Ich wählte MissingNo aus dem Beutel.

EICH: Steven, benutz es nicht!

Ich wurde daran erinnert, wie Prof. Eich einen magischerweise davon abhielt Schlüsselitems an den falschen Orten zu benutzen – wie das Fahrrad in einem Gebäude. Allerdings war die Nachricht diesmal anders und was noch schlimmer war, Steven antwortete.

Steven: In einer Welt, die mich betrogen hat…warum sollte ich da fair spielen?

Steven benutzte ES!

………………………..
………………………..
………………………..
………………………..

Steven erhielt M@#$!

Was in Gottes Namen hatte ich da erhalten? Ich kann es euch nicht sagen, das Spiel entzog mir die Kontrolle. Ohne meine Eingaben verließ Steven den Pokémon-Turm von allein, er ging Schritt für Schritt voran. Die Lavandia-Musik begann wieder zu spielen, nachdem er den Turm verlassen hatte und seine wahnsinnig langsam Reise gegen meinen Willen begann. Immer wenn er eine Grenze überschritt, wo die Musik sich ändern würde, wurde sie fortschreitend langsamer, mehr und mehr verstörend. Als ich Azuria City erreicht hatte, war sie bloß ein dämonisches Grummeln. Ich starrte ihn einfach an und versuchte zu erraten, wo er hinging, aber es wurde mehr und mehr offensichtlich. Er war auf dem Weg nach Alabastia.

Die Musik hatte alles getan, aber nicht aufgehört, als er dort ankam – sie spielte langsam Note für Note. Er ging genau dorthin, wo ich vermutet hatte – in sein eigenes Haus und die Treppen hoch. Zu diesem Zeitpunkt gab es keine Musik mehr. Steven bewegte sich Schritt für Schritt voran und stoppte am Bett seines Bruders. Er drehte sich um, um ihn anzusehen. Zuerst dachte ich, das Spiel hätte sich aufgehangen. Er tat nichts, er stand bloß herum und ich konnte ihn nicht bewegen. Ich konnte allerdings das Start-Menü öffnen. Ich hatte panische Angst davor, es mir anzusehen, aber ich wählte die Trainerkarte.

Ich hörte einen niedrigen grummelnden Ton, wie einen verdrehten Pokémon-Ruf. Steven sah mich direkt an. Er war noch vorne gekrümmt, sein Gesicht war verschleiert, sein Haar war wild und flog herum. Man konnte nicht wirklich ein Gesicht ausmachen, bloß Schwärze mit zwei roten Augen, die nach vorne starrten und ein weißes Grinsen, das einen Kontrast zur Dunkelheit bildete. Das war nicht alles.

Sein Name war S!3v3n.

Ich konnte nicht wegsehen. Meine Augen waren festgeklebt, ich brach den Sichtkontakt nicht für einen Augenblick. Meine Sicht wurde unscharf bis ich nicht mehr gut sehen konnte, mein Gesicht wurde nass. Ich weinte, wie ein Baby. Ich konnte nichts tun, um die Tränen zurückzuhalten. Ich hatte diesen Jungen von Anfang an begleitet. Ich hatte ihm zu Größe verholfen. Ich war dazu gezwungen, seinen Niedergang nach einem tragischen Unfall mitzuerleben und nun…war er das. Dieses Ding. Diese Monstrosität.

Ich sah ihm zu, wie er wahnsinnig wurde.

Ich hielt meine Tränen an und wischte meine Augen ab. Ich schloss die Trainerkarte und versuchte das Spiel zu speichern – ich wollte bloß aufhören. Das Spiel informierte mich darüber, dass das unmöglich war.

„Nichts kann jetzt gespeichert werden.“

Egal, was ich tat, das Startmenü wollte sich nicht schließen lassen. Ich hatte keine andere Möglichkeit, also prüfte ich den Beutel. Nichts passierte. Ich prüfte die Pokémon und da war eines. Ich begegnete einem einzigem Sprite, es hatte keine HP, sein Status: TOT, sein Name M@#$. Ich wählte es und wurde von vier Optionen begrüßt:

-> STATUS

„Sie ist es…“

->TAUSCH

„Niemals“

->CLOSE

„…Nein…“

->ERDROSSELN

Meine Finger zitterten und ich wählte ERDROSSELN. Steven wurde wieder in seinem Zimmer gezeigt.

S!3v3n: Auf Wiedersehen…

SCHNIPP!

Das Spiel schaltete sich selbst ab. Ich war eher entgeistert als verängstigt. Ein wenig geschockt schaltete ich das Spiel wieder an. Der Titelbildschirm zeigte den manischen S!3v3n und ein fürchterlich verglitches Glurak. Ich wählte Start und dann Weiter.

Alles was ich sehen konnte, war eine Aussicht auf Alabastia. Steven’s Zuhause im Westen wurde gezeigt, hohes Gras wuchs um es herum und diese unbeweglichen Steine blockierten es vom Rest der Stadt. Das Bild war total bewegungslos, keine Musik, keine Bewegungen. Dann wurde es weiß und ging zurück zum Titelbildschirm.

Es sah so aus wie das erste Mal, dass ich es aufgerufen hatte. Ein Trainer und ein Glurak. Ich schickte mich an, Weiter zu drücken.

„…Nein…“

Übersetzerin: Hikari17

Original: http://fyeahpokemoncreepypasta.tumblr.com/post/2762319526/strangled-red


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Verfasst 16. Oktober 2012 von Icebird in category "Eigenartiges & Unbekanntes

12 COMMENTS :

  1. By Dino on

    Also diese Geschichte ist mein Favorit von allen Creepypastas! Es passt einfach alles zusammen, vorallem das die Geschichte 1 Jahr vor der eigentlichen Roten Edition spielt. Aber am besten ist die Folge von MeGustaLP auf Youtube. Er hat die beste Hintergrundmusik für diese Geschichte!

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  2. By Paski2 on

    Ich hab das jetzt nicht ganz verstanden also hat Steven jetzt seinen Bruder erdrosselt?
    Aber die Geschichte an sich war sehr spannend :D

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  3. By Hikari17 on

    Realisieren und erkennen ist dasselbe Wort ^^ Realisieren find ich nur eleganter und kommt dem Original näher, deshalb nehme ich das gern, aber danke für deinen Tipp.
    Und danke an den entdecken Fehler von smile.cat.

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  4. By Adarë on

    *seufz* diese Edition hätte ich nur zu gern gespielt. Sie hat der Beschreibung nach etwas, dass anderen Pokemonspielen fehlt. Etwas erwachsenes. Etwas wie eine richtige Geschichte. Das Ende fand ich sehr traurig für eine Geschichte. Aber jetzt brenne ich darauf irgendwo so einen Hack zu finden!^^

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  5. By smile.cat on

    ich habe einen fehler entdeckt:nach vorne gekrümmt,nicht noch vorne gekrümmt ;)

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  6. By the_sound_of_leaving on

    Realize bedeutet meistens (und auch hier im Zusammenhang der Geschichte) erkennen, und nicht realisieren, auch wenn man das auf den ersten Blick denken mag. Passiert aber vielen.

    lg

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    1. By Anonym on

      Ähm… Nur so zur Info: Reaizieren und erkennen ist das gleiche , Schlaumeier -.-

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      1. By By Anonym on 16.April,2016 on

        Deshalb also diese Steine in der roten Edition.Hab mich schon gewundert wozu die eigentlich sind.Sehr coole Geschichte trotz allem.^^

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