August 3

I need my Bear

„Hilfe!“, erklingt eine unscheinbare Stimme aus der Dunkelheit, „Irgendjemand! Helft mir bitte!“

Das ist einer dieser Momente in denen du entscheiden musst ob du jemandem hilfst… oder das Problem ignorierst. Alles könnte dem Besitzer dieser schluchzenden und kleinen Stimme passieren. Alles.

„Bitte!“, ein schriller und verzweifelter Schrei ertönt.

Vorsichtig bewegst du dich durch die Dunkelheit in Richtung des Waldes. Du wählst deine Schritte sorgfältig. Wenn es möglich ist, bewegst du dich unter den Straßenlichtern… die Augen wachsam geöffnet, die Ohren aufmerksam darauf bedacht jeden Laut von Gefahr wahrzunehmen.

„Ist denn niemand da draußen?“, erklingt die Stimme – es ist ein kleines Mädchen.

Du kommst zum Rande eines überwucherten Ödlandes, ein leeres Grundstück. Dort findest du das weinende Kind. Sie ist voller Dreck und völlig ungepflegt. Ihr weiches und buntes Kleid ist zerrissen und schlammig. Ihr leuchtend rotes Haar ist zerzaust und voll mit Blättern.

Das ist ein Kind das früher wahrscheinlich ein schönes Zuhause hatte und jetzt auf sich allein gestellt ist.

„Du musst mir helfen!“. Sie dreht sich zu dir um und möglicherweise ist dort Hoffnung in ihren dunklen Augen zu sehen. Tränen glitzern dort wo kleine Lichter ihren Schein darauf werfen.

Du kannst ihre Gestalt kaum ausmachen, ausgenommen von einigen wenigen Details. Sie steht nahe dem Unkraut, als ob sie gerade erst aus der chaotischen und vorstädtischen Wildnis gekommen ist.

„Mein Bär!“, beharrt sie und zeigt auf die Überwucherungen. „Ich brauche meinen Bär!“

Jetzt fängt alles an sich langsam vom „sinnvollen“ zu entfernen. Du willst dem Mädchen gerade sagen, dass es viel zu spät ist um draußen zu sein, vor allem in dieser Gegend, wenn du an deine eigenen wertvollen Kindheitsbesitztümer denkst.

Kannst du dem Kind wirklich etwas abschlagen das dich nur ein wenig Zeit kostet um etwas zu finden das ihr alles bedeutet?

Das Unkraut ist nur hüfthoch und nicht sehr imposant wenn du erwachsen bist. Laufend durch ein dichtes Durcheinander von Stämmen und Dornen folgst du dem schmalen Pfad den das Mädchen gerade verlassen hatte.

Wenn du ihre Spuren verfolgst bist du dir sicher, dass du das Objekt findest das sie so sehr haben will.

Es scheint, als wäre das kleine Ding eine ganz schöne Strecke gelaufen. Sie musste blind durch den Miniaturwald gelaufen sein. Schon bald verschwinden die Straßenlichter im Nebel und dein zunehmend närrischer Auftrag wird nur noch alleine vom Mondlicht geführt.

Wenn es doch bloß ein Hund wäre – du könntest ihn rufen. Du könntest nach einem Bellen oder Winseln lauschen.

Endlich, gerade als du die Suche aufgeben wolltest, stolperst du über etwas braunes und flauschiges in der frisch aufgewühlten Erde. Die Umgebung ist sauber, als hätte man das Land gerade bestellt. Ein altes, schmuddeliges und pinkes Teeservice aus Plastik liegt im Dreck neben einer verkrusteten Tiara, der schon einige imitierte Juwelen fehlen.

Du registrierst die seltsame Umgebung kaum, als du den vor dir liegenden Bären aufhebst.

Er liegt da wie ein zerknautschter Haufen, wie ein Mann mit pulverisierten Knochen. Er hat auch die Größe eines Mannes. Sein augenloser Kopf räkelte sich zur Seite, unter seinem schäbigen, nach unten verzogenen Mund eine kleine nass aussehende, schwarze Nase.

Das am meisten beunruhigendste jedoch ist die Öffnung in seinem Bauch und der Brust. Eine große, vertikale und gähnende Kluft von glänzendem Purpurrot, als wäre der „Bär“ nichts anderes als ein altes, modriges Kostüm.

Aber da ist kein Reißverschluss.

Stattdessen sind da zwei lange Reihen von perlweisen und scharfen Zähnen.

Lauf! Lauf! Das ist das einzige was durch deinen Verstand rast als eine der Bärenpfoten sich plötzlich bewegt und sich dann schlaff in deine Richtung bewegt.

Fast hast du es von dem verlassenen Grundstück geschafft – fast. Du kannst das kleine Mädchen am Rande stehen sehen. So süß und harmlos wie es nur sein kann. Mit den Händen an der Brust gefaltet.

Sie bewegte sich nun unter die Lichter. Nun wird dir erlaubt einen flüchtigen Blick auf ihre dreckige Haut zu werfen… ihre Stoffhaut… auf die verschlungenen Fäden die sie zusammen halten.

Ihre schwarzen Knopfaugen verschieben sich schwach, gespannt zusehend wie du fällst. Etwas ergreift deine Füße… deine Waden… deinen Gürtel…

Du hast es nie wieder aus dem Ödland geschafft, stattdessen kommt das Mädchen zu dir. Sie grinst und kippt ihren Stoffpuppenkopf zu dir.

„Da ist mein Mr. Bär!“, gurrt sie.

Das Mädchen führt dich zurück in Richtung der Lichtung, ihre kleine Hand umwickelt eine deiner dicken Klauen.

Original: http://slimebeast.com/stories/i_need_my_bear.php




Verfasst 3. August 2014 von Icebird in category "Eigenartiges & Unbekanntes