Juni 1

Ich hätte eine andere Uhr tragen sollen

Mir wurde allmählich bewusst, dass ich schon wieder wach war, traurigerweise. Ich genoss diese flüchtigen Momente des unbewussten Schlafens, wo Minuten und Stunden langsam verwehen, um dann wieder schneller zu werden, bis du auf Höchstgeschwindigkeit fährst….und BÄM. Wieder wach. Wer weiß, wie viel später. Fünfzehn Minuten, oder zehn Stunden. Zeit ist hier relativ.

Was ich wirklich am Schlafen mochte war, dass ich träumen konnte, wenn ich Glück hatte. Während der Zeit in der mein Körper einfach nur war, konnte mein Verstand eine wundervolle Umgebung weben, in der ich nicht an die Gesetze der Physik gebunden war. Ich kann rennen und springen, mit anderen reden und sogar wieder essen! Ich vermisse das Essen wirklich.

Wenn ich feststeckte in dem was ich „wach“ nenne, kann ich physisch nichts machen. Ich meine nicht, dass ich nichts zu tun hatte, sondern eher, dass ich keinen Muskel rühren konnte. Ich war nicht paralysiert. Sogar ein Querschnittsgelähmter kann blinzeln und seine Augen bewegen. Zumindest können sie atmen und haben einen Herzschlag.

Nicht, dass umschauen mir viel bringen würde. Ich bin länger in der Dunkelheit, als ich begreifen konnte, oder vielleicht auch nicht. Ich hatte keine Möglichkeit, Zeit zu messen. Ich trage eine Uhr, aber sie leuchtet nicht im Dunkeln, kein leuchtendes Display für mich. Ich erinnere mich vage, dass ich irgendwann einmal das sachte Ticken der Zeiger hörte, als sie ihre Runden drehten. Jetzt bekomme ich diese leisen Töne nicht mehr zu hören.

Das ist eine Sache, die ich ändern würde, wenn ich zurückgehen könnte. Ich würde viele Dinge ändern, wenn ich zurückgehen könnte, aber allem voran hätte ich eine Digitaluhr getragen, welche die Zeit und den Wochentag anzeigt. Wenn ich eine finden würde, die sogar den Monat anzeigt, ich würde mein Konto bis auf den letzten Cent leeren, ich würde sogar einen Kredit aufnehmen, nur damit ich solch eine Uhr jetzt hätte.

Im Idealfall würde ich zuerst andere Dinge ändern. Ich hätte einen Helm getragen, als ich auf mein Motorrad gestiegen bin. Ich hätte dem Öltanker vor mir nicht die Vorfahrt nehmen sollen. Vielleicht hätte ich auch eine dieser Blutspenderkarten in meiner Brieftasche gehabt, dann hätten die Rettungssanitäter gewusst, welche Blutgruppe ich habe. Also gut, Fehler wurden gemacht an diesem Tag, aber wenn ich den Ausgang nicht hätte ändern können, hätte ich zumindest eine andere Uhr getragen.

Ich erinnere mich nicht an viel, nach dem Zusammenstoß. Ich erinnere mich an einen Feuerwehrwagen, ein paar Sanitäter, aber es verschwimmt. Ich erinnere mich klar, als der Sanitäter dem Arzt sagte, dass ich ein Motorradfahrer ohne Helm war, der in einen seitlichen Zusammmenstoß mit einem großen Fahrzeug verwickelt war. Seitlicher Zusammenstoß, von wegen. Wenn dich so ein Truck frontal erwischt, fährt der dir den Arsch ab. Der Arzt schüttelte nur den Kopf, wir Biker sind sowieso nur Organspender. Ich wäre vielleicht auch einer, würden meine Innereinen nicht Gelatine gleichen.

Es gab eine Beerdigung. Irgendwie mit offenem Sarg, und ich konnte sehen wer da war und wer nicht, wer weinte und wer mich nur kopfschüttelnd ansah. So sehr ich mich auch bemühte, ich konnte mich nicht bewegen, nicht blinzeln, alles was ich tun konnte war liegen, in dem vagen Bewusstsein, das ich da war und was um mich herum war.

Traurigerweise, waren das die guten Zeiten. Für mich wurde es nur schlimmer. Mein Sarg wurde geschlossen und ich sah niemals mehr Licht. Ich hörte das dumpfe Geräusch des Drecks, den sie auf meinen Sarg schaufelten, und dann war ich alleine, mit nichts außer dem leisen, rythmischen Ticken meiner Uhr, die mir Gesellschaft leistete. Nur ich, meine Gedanken, meine Uhr. Ich weiß nich, wie lange ich schon in diesem Loch bin, doch ich wünschte wirklich, ich hätte eine andere Uhr getragen.

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Übersetzer: Mettl

Korrekturleser: dannyk96

Quelle: http://www.creepypasta.org/creepypasta/i-should-have-worn-a-different-watch




Verfasst 1. Juni 2016 von dannyk96 in category "Eigenartiges & Unbekanntes