November 20

Mr. Widemouth

(Ich war hier)

Während meiner Kindheit war meine Familie wie ein Tropfen Wasser in einem unermesslichen Fluss, niemals lange an einem Ort verweilend. Wir ließen uns in Rhode Island nieder als ich acht war und blieben dort bis ich in Colorado Springs aufs College ging. Die meisten meiner Erinnerungen sind mit Rhode Island verbunden, aber ein paar Splitter im Speicher meines Gehirns gehören zu den diversen Orten an denen wir lebten als ich sehr viel jünger war.

Die meisten dieser Erinnerungen sind unklar und zusammenhanglos – Fangen spielen mit einem anderen Jungen im Hinterhof unseres Hauses in North Carolina, der Versuch, ein Floß zu bauen und es schwimmen zu lassen auf dem Strom hinter unserem Apartment in Pennsylvania, und so weiter. Aber da ist eine Reihe Erinnerungen die so klar erhalten sind, als seien sie erst gestern passiert. Ich habe mich oft gefragt ob diese Erinnerungen nicht Wachträume sind, entstanden während meiner langen Krankheit in jenem Frühling, aber tief im Herzen weiß ich, dass sie real sind. 

Wir lebten in einem Haus am Rande der blühenden Metropole New Vineyard, Maine, Population 643. Es war ein großes Gebäude, vor allem für eine Familie von drei Personen. Eine ganze Anzahl von Räumen bekam ich in den fünf Monaten, die wir dort residierten, gar nicht zu sehen.  Auf eine Art war es eine Platzverschwendung, aber es war das einzige Haus auf dem Markt zu der Zeit, zumindest  im Radius einer Stunde Pendelzeit zur Arbeit meines Vaters.

Am Tag nach meinem fünften Geburtstag (allein von meinen Eltern beachtet) lag ich mit Fieber danieder. Der Arzt sagte ich hätte Mononucleose, Pfeiffersches Drüsenfieber, was bedeutete keine wilden Spiele und mehr Fieber für mindestens drei weitere Wochen. Es war eine schreckliche Zeit um ans Bett gefesselt zu sein – wir waren mitten drin unsere Siebensachen zu packen um nach Pennsylvania umzuziehen, und die meisten meiner Dinge waren bereits in Kisten verpackt, mein Zimmer kahl und öde zurücklassend. Meine Mutter brachte mir mehrmals am Tag Ginger Ale und Bücher, welche meine primäre Unterhaltung für die nächsten paar Wochen waren. Langeweile war direkt hinter der nächsten Ecke, wartete  darauf ihren hässlichen Kopf zu heben und sich an meiner Misere zu weiden. Ich erinnere mich nicht mehr genau wie ich Mr. Widemouth traf. Ich denke, es war etwa eine Woche nachdem das Pfeiffersche Drüsenfieber diagnostiziert worden war. Meine erste Erinnerung an dieses kleine Wesen war, dass ich ihn fragte, ob er einen Namen habe. Er sagte mir ich solle ihn Mr. Widemouth nennen, denn sein Mund war riesig. Fakt ist, alles an ihm war groß im Verhältnis zu seinem Körper – sein Kopf, seine Augen, seine verwachsenen Ohren – aber sein Mund war mit Abstand das Größte.

„Sie sehen aus wie ein Furby“, sagte ich, während ich in einem meinerBücher blätterte.  Mr. Widemouth hielt inne. „Furby? Was ist ein Furby?“ fragte er.  Ich zuckte die Achseln. „Sie wissen schon… das Spielzeug. Dieser kleine Roboter mit den großen Ohren. Sie können ihn streicheln und füttern, fast wie ein richtiges Haustier.“

„Oh.“ Mr. Widemouth nahm seine Tätigkeit wieder auf. „So was brauchst du nicht. Die sind nicht dasselbe wie ein richtiger Freund.“ Ich erinnere mich, dass Mr. Widemouth jedes Mal verschwand wenn meine Mutter hereinkam um nach mir zu sehen. „Ich liege unter deinem Bett“, erklärte er später. „Ich will nicht, dass deine Eltern mich sehen weil ich Angst habe, dass sie uns nicht mehr zusammen spielen lassen.“  Wir machten nicht viel während dieser ersten paar Tage. Mr. Widemouth schaute sich nur meine Bücher an, fasziniert von den Geschichten und Bildern die sie enthielten. Am dritten oder vierten Morgen seit ich ihn kennengelernt hatte begrüßte er mich mit einem breiten Grinsen auf seinem Gesicht. „Ich habe ein neues Spiel das wir spielen können“,  sagte er. „Wir

müssen warten, bis deine Mutter nach dir gesehen hat, weil sie nicht sehen darf, wie wir es spielen. Es ist ein geheimes Spiel.“

Nachdem meine Mutter mehr Bücher und Soda zur üblichen Zeit gebracht hatte schlüpfte Mr. Widemouth unter meinem Bett hervor und ergriff meine Hand. „Wir müssen zu dem Raum am Ende des Flurs gehen,“ sagte er. Ich zögerte erst, denn meine Eltern hatten mir verboten mein Bett ohne ihre Erlaubnis zu verlassen, aber Mr. Widemouth redete auf mich ein bis ich nachgab.

Der fragliche Raum hatte keine Möbel oder Tapeten. Seine einzige kennzeichnende Eigenschaft war ein Fenster gegenüber der Tür. Mr.Widemouth sauste durch den Raum und gab dem Fenster einen kräftigen Schubs, so dass es auf geschleudert wurde. Dann winkte er mich heran um nach draußen auf den Boden unter uns zu sehen.

Wir waren im zweiten Stock des Hauses, aber es lag auf einem Hügel und von diesem Punkt aus waren es durch die Hanglage mehr als zwei Stockwerke bis zum Boden. „Ich tue hier gerne so als ob“, erklärte Mr. Widemouth. „Ich bilde mir ein, dass da ein großes weiches Trampolin unter dem Fenster steht, und ich springe. Wenn du nur fest genug daran glaubst, prallst du ab wie eine Feder. Ich möchte, dass du das ausprobierst. Ich war ein fünfjähriger mit Fieber, daher kam nur ein Hauch von Skepsis in meine Gedanken als ich nach unten sah und die Möglichkeiten abwägte. „Es ist ein langer Fall“, sagte ich.

„Aber das ist ja gerade der Spaß daran. Es wäre nicht lustig, wenn es ein kurzer Fall wäre. Wenn es so wäre könntest du ja genauso gut auf einem richtigen Trampolin springen.“

Ich spielte in Gedanken mit der Idee, stellte mir bildlich vor, wie ich durch die dünne Luft fiel, um dann zurück zum Fenster abzuprallen von etwas, dass menschliche Augen nicht sehen konnten. Aber der Realist in mir gewann die Oberhand. „Vielleicht ein anderes Mal“, sagte ich. „Ich weiß nicht, ob ich genug Phantasie habe. Ich könnte mich verletzen.“

Mr. Widemouth´ Gesicht verzerrte sich zu einem Knurren, aber nur für einen Moment. Ärger machte der Enttäuschung Platz. „Wenn du das sagst“, meinte er. Den Rest des Tages verbrachte er unter meinem Bett, still wie ein Mäuschen.

Als er am nächsten Morgen eintrat, hatte Mr. Widemouth eine kleine Kiste in der Hand. „Ich möchte dir beibringen zu jonglieren“,  sagte er. „Hier sind ein paar Dinge mit denen du üben kannst, bevor ich anfange dir Lektionen zu geben.“

Ich schaute in die Kiste. Sie war voller Messer. „Meine Eltern werden mich umbringen!“ rief ich, entsetzt, dass Mr. Widemouth Messer in mein Zimmer gebracht hatte – Objekte die meine Eltern mir niemals erlauben würden anzufassen. „Ich werde verprügelt und bestraft für ein ganzes Jahr!“ Mr. Widemouth blickte missbilligend drein. „Es macht Spaß damit zu jonglieren. Ich möchte, dass du es ausprobierst.“

Ich schob die Kiste weg. „Ich kann nicht. Ich werde Ärger kriegen. Es ist nicht sicher, Messer einfach in die Luft zu werfen.“

Mr. Widemouth´s Missbilligung ging in einen finsteren Blick über. Er nahm die Kiste mit den Messern und glitt unter mein Bett, wo er den Rest des Tages verbrachte. Ich begann mich zu fragen, wie oft er dort unter mir war.  Danach begann ich Schlafstörungen zu haben. Mir. Widemouth weckte mich

häufig nachts, um mir zu sagen, dass er ein echtes Trampolin unter das Fenster stellen würde, ein ganz großes, das ich im Dunkeln nicht sehen  könnte. Ich lehnte immer ab und versuchte wieder einzuschlafen, aber Mr. Widemouth blieb hartnäckig. Manchmal blieb er bis zum frühen Morgen an

meiner Seite und ermutigte mich zu springen.

Es war nicht länger lustig mit ihm zu spielen. Eines Morgens kam meine Mutter zu mir um mir zu sagen, dass ich die Erlaubnis hätte, draußen herumzulaufen. Sie dachte, frische Luft wäre gut für

mich, vor allem weil ich so lange in meinem Zimmer gewesen war. In Ekstase zog ich meine Turnschuhe an und lief zu unserer hinteren Veranda, danach lechzend die Sonne auf meinem Gesicht zu fühlen.

Mr. Widemouth wartete auf mich. „Ich hab etwas, dass ich dir zeigen möchte“, sagte er. Ich musste ihn eigenartig angesehen haben, denn er sagte  „Es ist sicher. Ich verspreche es.“

Ich folgte ihm zum Anfang eines Wildpfades, der hinter unserem Haus durch die Wälder führte. „Dies ist ein wichtiger Weg“,  erklärte er. „Ich hatte eine Menge Freunde in deinem Alter. Als sie soweit waren, habe ich sie diesen Pfad entlang geführt, zu einem besonderen Ort. Du bist jetzt noch nicht soweit, aber ich hoffe eines Tages auch dich dorthin bringen zu können.“ Ich ging zum Haus zurück, mich wundernd, was wohl am Ende des Pfades lag.

Zwei Wochen nachdem ich Mr. Widemouth getroffen hatte wurde die letzte Ladung unserer Sachen in einen Umzugslaster gepackt. Ich würde in der Fahrerkabine sein, neben meinem Vater sitzend auf der langen Fahrt nach Pennsylvania. Ich überlegte, ob ich Mr. Widemouth erzählen sollte, dass wir gehen würden, aber selbst im Alter von fünf Jahren begann ich zu ahnen, dass die Absichten des Wesens nicht zu meinem Vorteil waren, obwohl er etwas anderes behauptete. Aus diesem Grund beschloss ich, meine Abreise geheim zu halten.

Mein Vater und ich waren um vier Uhr morgens im Laster. Er hoffte, mit Hilfe endloser Mengen Kaffee und einem Sixpack Energy Drings wären wir morgen Mittag in Pennsylvania. Er wirkte eher wie ein Mann, der vorhatte einen Marathon zu laufen, als einer, der die nächsten zwei Tage still sitzen würde.

„Zu früh für dich?“, fragte mein Vater, mit einem Hauch von Mitgefühl. Ich nickte und lehnte meinen Kopf gegen das Fenster, in der Hoffnung auf etwas Schlaf bevor die Sonne aufging. Ich spürte die Hand meines Vaters auf meiner Schulter. „Das ist der letzte Umzug, Sohn, ich verspreche es. Ich weiß, es ist hart für dich, so krank wie du warst. Sobald Daddy befördert wird lassen wir uns nieder, und dann wirst du Freunde finden.“

Ich öffnete meine Augen als wir aus der Auffahrt fuhren. Ich sah die Silhouette von Mr. Widemouth am Fenster meines Schlafzimmers. Er stand bewegungslos da bis der Truck dabei war auf die Hauptstraße zu fahren. Er winkte mitleiderregend, ein Steakmesser in der Hand. Ich winkte nicht zurück.

Jahre später kehrte ich nach New Vineyard zurück. Das Stück Land auf dem unser Haus gestanden hatte war leer bis auf den Brunnen, da das Haus ein paar Jahre nachdem wir es verlassen hatten niedergebrannt war. Aus reiner Neugierde folgte ich dem Wildpfad den Mr. Widemouth mir gezeigt hatte. Ein Teil von mir rechnete damit, dass er hinter einem Baum hervorspringen und mich zu Tode erschrecken würde, aber ich spürte, dass Mr. Widemouth weg war, irgendwie an das Haus gebunden das nicht länger existierte.  Der Pfad endete am New Vineyard Memorial Friedhof.  Ich bemerkte, dass viele der Grabsteine Kindern gehörten.

Übersetzerin: Gargoyle

Original: http://creepypasta.wikia.com/wiki/Mr._Widemouth


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Verfasst 20. November 2012 von Icebird in category "Wesen & Personen

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