November 5

Schnee auf Mt. Silver

Also, mein Bruder und ich, wir sind irgendwie mit Pokémon aufgewachsen. In dieser Gegend sind das eine Menge Kinder. Es hat für uns auch perfekt funktioniert – immer, wenn eine neue Generation herauskam, würde einer von jeweils die andere Edition bekommen und da unsere Mama uns gern ein wenig verwöhnte, bekamen wir beide die dritte Generation. Auf den ersten Blick klingt das wie eine bittersüße Geschichte zweier Geschwister, die mit ein paar Spielen aufgewachsen sind, die sie irgendwann auf verschiedene Wege führten. Nun, es ist ein bisschen mehr als das.

Die Jahre vergingen, wir sammelten weiter. Gameboy’s wurden alt, wir ersetzten sie. Die Module gingen irgendwann kaputt, wir besorgten uns neue Kopien. Aber wir fingen an, zwei völlig verschiedene Wege zu gehen bevor R/S/S herauskam. Ihr müsst wissen, um die Zeit bekam mein Bruder einen Gameshark. Wir hörten von all den Hacks und Cheats, die man damit machen kann und – selbst wenn wir etwas spät dran waren, das herauszufinden – das klang schrecklich cool. Unser erstes Versuchsobjekt war die alte blaue Edition meines Bruders. Wir spielten bloß ein wenig mit ihr herum, nichts Ernstes. Aber was auch immer wir taten, es zerstörte das Modul. Nachdem wir nur ein paar Codes eingegeben hatte, ruinierte es das Spiel komplett und es wurde unspielbar. Natürlich waren wir zuerst sauer; mein Bruder bedauerte den Verlust seiner stundenlangen Arbeit und ich fühlte mit ihm mit. Ich sagte zu ihm: „Es ist okay, wir können sie ersetzen. Der dumme Shark war Geldverschwendung.“ 

Aber hier trennten sich letztlich unsere Pfade. Nachdem ich gesehen hatte, was für eine Schweinerei aus der blauen Edition geworden war, lehnte ich Hacken oder Cheaten meiner Spiele ab (Was soll ich sagen? Ich bin ein Mädel. Ich hab Gefühle für diese kleinen Pixelkreaturen). Zumindest mit dem Gameshark. Aber mein Bruder sah die Zerstörung seines Spiels als persönliche Herausforderung oder sowas in der Art – ich glaube nicht, dass er je ein nicht gehacktes Spiel nach diesem Vorfall spielte. Ja, wir spielten eine Menge Pokémon, mann. Es gab aber auch nichts Anderes für uns zu tun. Wir lebten weit draußen auf dem Land mit nur wenigen anderen Kindern und die Farmer wollten uns nicht auf ihrem Besitz haben, also spielten wir Pokémon in unserem Garten, Tag und Nacht. Wenigstens für uns war es fantastisch. Wir verloren den Gameshark, als unsere Zimmer verlegt wurden. An unser Haus wurde ein neuer Anbau angebracht und er verschwand mit dem ganzem Kram, der in den Wandschrank gestopft wurde.

R/S/S kamen an und nachdem wir sie einmal durchgespielt hatten, waren wir uns einig, dass im Vergleich zur letzten Generation etwas fehlte. Wir probierten beide, die Spiele nochmals durchzuspielen und auch, wenn wir es hinkriegten, sie zu beenden, lechzten wir beide nach etwas guter alter Nostalgie. Wo waren überhaupt unsere alten G/S/K-Module? Wir brauchten wahrscheinlich einen Monat, um die alten Boxen durchzugehen – die wir zuerst zu faul gewesen waren, zu durchsuchen – aber dann fanden wir endlich eine ganze Ladung unserer alten Elektronik: Mein alter lila Game Boy Color funktionierte noch, sein roter konnte seine Batterien nicht mehr an der Stelle halten. Beide unsere GBA’s waren allerdings noch in Ordnung, zusammen mit den Snakelights und den Linkkabeln, das mit dem eleganten Anschluss in der Mitte – den ich immer so oh-wie-vorsichtig aufgewickelt hatte, um das Ausfransen der Kabel zu vermeiden, wie es mir mit dem alten passiert war. Wir beiden schnappten uns alles, was wir konnten. Es war so nett, Gelb (was mein erstes und am meisten geschätztes Spiel einer Serie überhaupt war, nicht bloß Pokémon) und Rot und Gold zurückzuhaben.

Wir sahen uns unsere alten Dateien an, schwelgten in alten Erinnerungen und entschieden letztlich, dass der Generation-1-Kram zu nostalgisch war, um ihn loszuwerden. Ich startete Gold neu, er startete Silber neu. Sofort griff er den Gameshark, der in der Box war, und steckte ihn in die Rückseite des GBA. Ich schüttelte bloß meinen Kopf. Ich erinnerte mich daran, was ich ihm sagte.

„Das Ding wird dein Spiel killen, weißt du.“

Er mochte es nie, wenn ich ihm etwas über „Pixel misshandeln“ vorgebetet hatte. Ich hielt danach meinen Mund, aber er hatte keine Lust mehr, mit mir zu spielen. Ich nahm an, es war einfach einmal zu viel gewesen oder so was; ich sollte lernen, meine Gedanken für mich selbst zu behalten, wirklich.

Es passierte ein paar Tage später. Ich war draußen auf der Veranda, mit meinem Game Boy in der Hand und auf dem Weg zu den TOP4, als ich realisierte, dass ich etwas Hilfe brauchen würde. Mein Team war schlecht balanciert, da ich bloß in meiner Freizeit spielen konnte und zu dieser Zeit war ich kein guter Trainer, der Gimmick Runs vollziehen konnte. Ich wusste, dass mein Bruder zwei Orden vor mir gewesen war, als wir uns das letzte Mal miteinander verglichen hatten, also hoffte ich, er würde mich ein oder zwei Pokémon ausborgen lassen, nur für dieses Spiel.

Nun, Fakt war, dass ich die letzten 24 Stunden bei einem Freund verbracht hatte. Ich war buchstäblich heimgekommen, hatte meine Tasche in meinen Raum geworfen und war mit meinem GBA in die Sonne geschlichen, um zu spielen. Ich hatte keine Ahnung, was er gerade tat. Alles was ich wusste, war, dass er wohl mit dem Spiel durch war und ein neues spielte. Das – dachte ich mir – war ein Vorteil für mich, da er diese Pokémon nicht mehr brauchen würde und ich eine größere Chance hatte, mir ein paar abzuzwacken. Also stand ich auf und ging ins Haus und als ich das Wohnzimmer passierte, bemerkte ich, dass all seine Pokémon-Spiele auf dem Boden rumlagen. Manche dieser Module waren verstümmelt, als wären sie mit etwas Scharfem bearbeitet worden. Sogar seine alte blaue Version, die schon vor langem gestorben war und die uns einfach zu sentimental war, um sie wegzuwerfen, lag da. Das Plastik von ihr war zerfetzt, fast die ganze Seite war aufgerissen, komplett unbenutzbar – sogar, wenn sie funktioniert hätte. Ich hatte ein wenig Angst. Das musste heute Morgen passiert sein, denn ansonsten hätte unsere Mama das gesehen und sie hätten nicht mehr auf dem Teppich gelegen. Ich steckte meinen GBA in meine Tasche und schlich herüber zu seinem Zimmer und sah, dass die Tür nicht abgeschlossen war. Das war etwas, was mich noch mehr besorgte.

Ich ging hinein und sah meinen Bruder auf dem Rand seines Bettes sitzen. Sein GBA war in Stücken auf dem Boden neben seinen Füßen, er war in kleinste Teile zerschlagen worden. Neben ihm auf dem Bett waren ein Hammer und die Gartenschere unserer Mutter. Sein Gesicht war sogar noch blasser als zu der Zeit, als wir von dem alten Kerl auf der Straße – absolut blind und ein tobsüchtiger Spinner – uns in die Ecke gedrängt hatte und dann mit einem Gewehr auf die Bäume gejagt hatte. Jetzt bemerkte ich auch den Gameshark auf dem Boden und eine Ecke eines silbernen Moduls, die unter dem Bett hervorlugten. Irgendwie waren sie von dem Zorn seines Hammers verschont geblieben.

„Bist du okay?“, fragte ich. Ich erinnerte mich an das Frösteln, das mich überkam. Er war mein kleiner Bruder. Ihn so zu sehen war entsetzlich.

„Es war fürchterlich.“ Ich erinnerte mich daran, wie er das krächzte und das Zittern seiner Stimme machte meine Knie weich. „Oh Gott. Weiß, überall und dann SCHWARZ….“

Ich erinnerte mich daran, dass ich zu ihm herüberrannte und ihn umarmte. Und ich erinnerte mich daran, wie sein schlaffer Arm fiel und den Gameboy aus meiner Tasche fegte und an seinen plötzlichen Schrei, direkt in mein Ohr, so dass ich aufsprang und mir versehentlich auf die Zunge biss. Er riss den Handheld aus meiner Tasche und schleuderte ihn gegen die ferne Wand. Ich schrie auf, als ich das verbeulte Plastiksystem dort liegen sah und rannte herüber, um es aufzusammeln. Der Bildschirm war dunkel geworden und obwohl ich das schlimmste befürchtete, lief er ganz normal, als ich den Schalter umlegte. Ich wartete in der Ecke und versuchte, so zu tun, als wäre die Sache mit dem GBA wäre von genug Bedeutung, um nicht loszulaufen und unsere Mama zu holen.

Der Ton war an.

Der Pokémon-Theme begann und er schrie erneut und hob den Hammer auf. Diesmal schrie ich auch auf und rannte aus dem Zimmer mit dem GBA eng an meine Brust gedrückt, als wäre er ein Schild.

Er landete für zwei Tage in der Psychologie des Krankenhauses. Als wir ihn besuchten, ließ ich meinen GBA zuhause. Keiner konnte herausfinden, was sein seltsames, manisches Verhalten ausgelöst hatte. Es gab ein Gespräch darüber, ob er irgendeine Art von Verhaltensstörung haben könnte oder nicht, das ich nicht verstand. Auch wenn meine Mama und ich alle aufgeschlitzten Module aufgesammelt und mitgebracht hatten (die Idee meiner Mama, nicht meine), ist niemand darauf gekommen, es mit dem Spiel zu verbinden…vielleicht war das mein Fehler. Ich hatte kein Wort darüber gesagt, was passiert war, als er versehentlich den Game Boy berührt hatte oder über den blinden, weißen Terror, den er erlitten hatte, als die Musik begann. Bei meinem letzten Besuch im Krankenhaus am zweiten Tag – kurz vor der Schule – wurde ich mit ihm allein im Zimmer gelassen, während meine Mama ein persönliches Gespräch mit dem Arzt hatte –  Vorkehrungen zu treffen, falls dies nochmal passieren sollte. Ich saß in einem Stuhl neben seinem Bett, während er an die Decke starrte. Aber dann setzte er sich plötzlich auf, was mich zusammenzucken ließ.

„Hey“, erzählte er mir. „Angie. Geh in mein Zimmer, sobald du daheim bist.“

Ich verstand nicht, was er meinte und erinnerte mich dann an die Sachen, die wir nicht eingepackt und mitgebracht hatten…das Spiel und das Hacking-Werkzeug unter seinem Bett.

„Wirf sie weg. Ich will nie wieder damit spielen.“

Seine Stimme klang so müde und verzweifelt…er klang wie ein alter Mann auf seinem Totenbett. Mein armer, beschädigter Bruder…wie konnte ich ablehnen?

„Versprich mir, dass du sie wegwirfst.“

„Okay, ich verspreche es.“

Ich kam zu spät zur Schule und den ganzen Tag hatte ich nur mein Versprechen an ihn im Kopf. Ich wusste es noch nicht zu der Zeit, aber das war das letzte Mal, dass ich die große Schwester sein und ihm aushelfen konnte. Ich musste einfach heimgehen und dieses Spiel wegwerfen, aber als der Tag voranging, bemerkte ich eine krankhafte Neugier in meinem Kopf. Was konnte bloß passiert sein, das ihn so schlimm erschreckt hatte? Ich hatte selber Angst, aber ich musste es einfach wissen. Ich musste.

Ich kam heim und ging sofort in sein Zimmer, erpicht darauf, den Horror, der mich erwartete, aufzudecken. Mama hatte inzwischen den Raum gesaugt und das Modul und der Gameshark waren nicht länger zu sehen. Ich duckte mich und kroch halb unter das Bett. Ich fühlte mich furchtsam, aber ich hielt an meinem Versprechen fest, um mir Mut zu machen. Unter dem Bett war genug Staub, dass ich husten musste und genug alte Legos und verschiedene andere Spielzeuge, dass ich meinen Ellbogen nicht absetzen konnte, ohne in etwas zu landen. Aber endlich sah ich beide Gegenstände. Sie waren in die Ecke geschoben worden, auf einem Notizblock, der zu neu aussah, um schon lange dort zu liegen. Ohne zu denken, griff ich nach der Ecke des Papiers und zog alles mit mir zusammen heraus, immer noch keuchend von dem Staub (Allergien und so).

Sie sahen so unschuldig aus, simple Spielzeuge und ein simpler spiralgebundener Haufen von Blättern. Als ich die Silber-Edition und den Gameshark auf den Boden setzte, sah ich mir das Notizbuch genauer an. Auf ihm waren mindestens zwanzig verschiedene Cheat-Codes gekritzelt, aber einer war mit einem Edding ausgestrichen worden, wo er ursprünglich mit einem Kuli geschrieben hatte. Das verwirrte mich. Er hatte WIRKLICH versucht, es zu löschen. Der Marker war so stark auf das Papier gedrückt worden, dass die meiste Tinte durchgesickert war, fast 2/3 bis zum Karton-Ende des Blocks. Aber Kuli hatte so eine Art, dazubleiben. Ich nahm das Notizbuch auf und neigte es rückwärts in das Licht. Die reflektierende Oberfläche des Eddings enthüllte, was dort geschrieben stand. Der Code war ein unverständliches Durcheinander von Buchstaben und Zahlen, aber die Wörter daneben verwirrten mich.

„Easter Egg – Schnee auf dem Silberberg“

Ich erinnerte mich daran, was er gesagt hatte, als ich ihn gefunden hatte…er hatte über weiß, weiß und dann schwarz deliriert…konnte er Schnee meinen? Auch wenn es immer noch August war und die Temperatur jeden Tag auf 90 Grad Fahrenheit stieg, fuhr mir ein kalter Schauer den Rücken hinunter. Würde ich es wagen…?

Ich hob alles auf und brachte es in mein Zimmer. Ich breitete es auf dem Teppich aus und legte meinen eigenen GBA nebendran. Für eine lange Zeit sah ich es einfach nur an und je länger ich schaute, desto manischer wurde Lugia’s Gesicht auf dem Sticker….wie ein verdrehtes Grinsen – als würde es mich herausfordern, herauszufinden, was meinem Bruder passiert war. Ich war ein 14 Jahre altes Kind. Wollte ich wirklich mein Schicksal herausfordern und riskieren, wie er zu enden? Ich funkelte Lugia noch eine Weile an.

Ich musste es sehen.

Ich nahm Gold aus meinem GBA und steckte Silber in seinen Platz. Ich brauchte fast 15 Minuten, um mich zusammenzunehmen und es anzuschalten.

Es begann normal. Ich ließ den Ton leise – zu viel Angst vor dem, was zu hören wäre um ihn laut zu stellen und zu neugierig, um ihn abzuschalten. Der Titelbildschirm war auch normal. Lugia wieder, aber mein gesunder Menschenverstand teilte mir mit, dass die angebliche Bedrohung dasselbe Bild war, das ich immer sah, wenn ich das Spiel startete. Wie schlimm konnte das sein?, fragte ich mich selbst. Seine Notizen sagten Easter Egg. Bedeutete das nicht, dass diese Kodierung bereits in dem Spiel existieren müsste? Das Menü öffnete sich … immer noch völlig normal. Sein Charakter war Blake mit einem größtenteils gefüllten Pokédex, aber die Zeit war merkwürdig: 999:99. Ich WUSSTE, er konnte nicht so lange gespielt haben…Ich hatte nicht ganz 50 Stunden in meinem eigenen Spiel und war vor den TOP4…und ich spielte langsam. Vielleicht haben die Ergebnisse seines Hackens ja die Datei erledigt, dachte ich mir. Naja, was auch immer… Das Spiel startete und das erste, was ich bemerkte, war der anhaltende schwarze Bildschirm. Es dauerte fast eine Minute, bis sich etwas änderte…und dann gab es überhaupt keinen Ton. Die Haaren an meinem Nacken hatten sich bereits aufgestellt, aber es war zu spät, um umzukehren.

Endlich zeigte sich eine sehr matte Art von Karte auf dem Bildschirm…aber es sah aus, als rauschte es. Was ging hier vor? Ich schielte herunter und realisierte mit einem furchtsamen Stich, dass es tatsächlich die Silberberg-Karte war…aber das, was ich für Rauschen gehalten habe, war heftiger Schneefall. Also dort hatte er zuletzt sein Spiel gespeichert. Ich überprüfte sein Team …ein ziemlich normales Team für jemanden, der einen Gameshark benutzte: Tornupto, Impergator, Meganie,  Tauboss, Despotar, Lugia – alle Level 100 mit angepassten Attacken – typisch für ihn. Etwas war allerdings merkwürdig an den Sprites. Sie sahen auf irgendeine Art düster aus. Ihre Farben wirkten verwaschen und ihren Ausdrücken fehlte der übliche Elan. Ich schrieb das fehlenden Pixeln zu, ebenso ein Resultat des Hackens.

Die Karte hatte sich nur ein kleines Stück aufgehellt, als ich das Startmenü verlassen hatte. In der Tat, Schnee fiel irgendwie sehr heftig; Pixel tanzten so schnell über den Bildschirm, dass es schwer war, den kleinen Sprite zu sehen, der den Charakters meiner Bruders darstellte. Etwas war auch an ihm komisch. Als ich seinen Status überprüfte, war es dasselbe wie mit den Pokémon-Sprites; die Farben waren trübe. Tatsache, jetzt, wo ich darüber nachdenke, er sah fast erfroren aus.

Mein Magen zog sich zusammen und ich drehte mich um und versuchte, den Berg hinunterzugehen. Als ich den unteren Teil des Bildschirms erreichte, tauchten Wörter auf und es gab endlich einen Ton: Mein Sprite, der eine unsichtbare Wand traf.

„Ich kann jetzt nicht umkehren.“

Das war… beunruhigend. Ich ging zu meinen Pokémon und probierte Tauboss „Fliegen“-Fähigkeit aus.

„Ich kann da drin nicht fliegen!“, klar auf den Schnee bezogen.

‚Was soll’s‘, dachte ich mir und öffnete seine Tasche. Es war ein Fluchtseil darin. Ich probierte es aus.

„Ich kann nicht mehr zurückgehen.“

Was geschah hier? Nochmals versuchte ich, den Berg hinunterzugehen und zu meinem Horror, änderten sich die Worte mit jedem Versuch.

„Ich kann nicht weglaufen.“

„Ich kann nicht wieder runtergehen.“

„Ich kann nie wieder zurückgehen.“

Beim Letzten hatte ich ein frigides Gefühl in der Brust. Es gab keinen Weg, den Berg hinunterzusteigen. Ich musste heraufklettern. Ich drehte den kleinen Sprite herum und bewegte ihn vorwärts.

Es gab keinen Widerstand, aber meine Laufgeschwindigkeit war merkwürdig langsam. Was wirklich eigenartig war, war das Fehlen von Gras oder anderen Trainern oder irgendetwas anderen neben diesem weißen Schnee, der immer noch über den Bildschirm wehte und es unmöglich machte, etwas zu sehen. Als ich den Berg weiter „heraufstieg“, wurde die Laufgeschwindigkeit immer langsamer und langsamer. Der statische Vorhang von Pixeln wurde immer dicker, so dass ich kaum noch die Merkmale der Karte ausmachen konnte…aber es wirkte, als sei der einzige Weg, sich bloß stur nach vorne zu begeben. Ich erreichte etwas am Rand des Bildschirms, was wie ein paar Stufen aussah. Ich konnte mich nicht dran erinnern, dass diese je dort gewesen sein sollten. Als ich ich probierte, sie heraufzugehen, pausierte der kleine Sprite.

„Mir ist kalt.“

Nun bekam selbst ich Gänsehaut. Seine Laufgeschwindigkeit war schmerzhaft langsam geworden, als wäre er verlangsamt worden. Ich ging die kleine Treppe hinauf.

Mehr Text auf dem Schirm.

„Meganie ist gestorben.“

Was zur Hölle, dachte ich. Pokémon können in diesen Spielen nicht sterben. Ich überprüfte mein Team und war erschreckt und verwirrt über das, was ich sah.

Meganie’s Sprite war mit einem roten X ersetzt worden. Alle anderen Pokémon hatten verschiedene Grade von Schaden erhalten, obwohl ich kein einziges Mal gekämpft hatte. Ich öffnete die Tasche und fand einen einzigen Beleber und probierte, ihn zu nutzen.

„Es ist zu spät.“, hieß es. Was für eine Art von Easter Egg war das?

Es gab nicht viel, was ich sonst tun konnte…wenn ich versuchte, umzukehren, ergab sich die selbe Botschaft wie zuvor. Also ging ich weiter.

„Tauboss ist gestorben.“

Ich überprüfte noch einmal….sicher, da war das kleine, rote X. Diesmal wählte ich es und sah mir das Pokémon an – ich wollte herausfinden, was schief gelaufen war – ich wünschte mir, ich hätte es nicht getan.

Der Sprite war entstellt; Teile von ihm fehlten. Was übrig war, war in eine kränkliche, blau-graue Farbe getaucht und seine Augen waren eine solide schwarze Höhle. Ich blätterte runter zu Meganie – dieselbe Sache, ein fehlendes Bein, ein fehlendes Stück seines Halses, fast alles von seinem Kopf, bis auf dieses tiefschwarze, tote Auge.

Eine morbide Neugier ließ mich weitermachen und der Pfad kam niemals von seinem geraden Weg ab, die ganze Zeit, während ich ihn bereiste. Auf dem Weg – immer mal wieder – „starb“ ein anderes der Team-Pokémon und wenn ich seinen Sprite untersuchte, stellte sich heraus, dass es in derselben Verfassung wie die anderen war. Bis nur noch Tornupto übrig war. Eine weitere Treppe war vor mir zu sehen. Ich stieg sie hinauf und wappnete mich gegen welchen Horror auch immer, der mich erwartete.

Ich kam am Gipfel an.

Er war verlassen – Rot war nirgendwo zu finden.

Der Schnee hatte aufgehört zu fallen.

Genau in der Mitte der Karte ragte etwas aus dem Schnee heraus. Es sah aus wie ein Pokéball. Okay, vielleicht endete diese ganze, gruselige Scheiße in einer Art Höhepunkt, finaler Kampf, was auch immer DA DRIN war. Wenn ich ihn aufhob würde Rot vielleicht aus seinem Versteck kommen. Ich ging herüber und untersuchte ihn und es brach ein statisches Geräusch aus meinem Spiel hervor, das mich aufspringen ließ.

Was auf dem Bildschirm erschien, war mein Trainer-Sprite, seine Haut blau gefärbt…gegen einen anderen entstellten Pokémon-Sprite.

Es war Celebi.

In der Mitte des schwarzen Lochs, das sein Auge darstellt, brannte ein einziger, roter Punkt wie eine Glut. Das Ding sah verrottet aus. Ich hatte noch nicht mal mein fast totes Tornupto in den Kampf geschickt, da bewegte es sich.

„Celebi benutzt Abgesang.“

Ein Kreischen kam aus meinem GBA und ich ließ ihn fast fallen, als der Bildschirm weiß wurde. Ein Teil von mir war erleichtert – er dachte, dass mein letztes Pokémon besiegt worden war und ich zu einem Pokémon-Center gebracht worden wäre – aber ich lag falsch. Mein Sprite erschien wieder in etwas, was wie eine Höhle aussah; war ich nun im Berg? Ich überprüfte meine Trainerkarte und mir wurde übel. Der Sprite war genauso so entstellt wie die Pokémon. Ein Bein fehlte. Ein einzelnes, verbliebenes Auge, tiefschwarz und es sah so traurig aus, Tränen liefen aus dem Rand heraus. Und jede Farbe von ihm war mit diesem kränklichen, frostigen Ton von Blau-Grau ersetzt worden. Jeder Status auf der Karte war zu 0 reduziert worden, bis auf die Zeit, die immer noch 999:99 zeigte.

Ich ging schnell zurück zu der Oberwelt. Sein Sprite dort spiegelte den Horror wieder, der er auf der Trainerkarte geworden war; Teile fehlten, alles war farblos. Ich versuchte zu laufen und als erstes bekam ich eine Nachricht.

„Es ist so kalt.“

Es gab nur eine Richtung, in die ich gehen konnte – nach oben. Ich ging weiter und immer mal wieder wurde ich von einer Nachricht gestoppt, die mein Herz immer tiefer und tiefer sinken ließ.

„Mutter…“

„Es fühlt sich so kalt an…“

„Ich kann nicht weitergehen…“

Die Wände wurden immer dunkler und dunkler, als ich vorbeilief, bis sie am Ende tiefschwarz waren.

Hier gab es einen Ausgang, markiert bloß durch eine weiße Umrandung. Ich hatte keine andere Wahl, als ihn zu durchqueren.

Das Spiel öffnete eine Kammer, die ebenfalls reinweiß war…der einzige Weg, die Wände vom Boden zu unterscheiden war eine dünne graue Linie. Neben der fernen Wand war ein anderer Sprite. Rot’s Sprite. Intakt. Ich war so weit gekommen…ich musste das beenden. Ich ging direkt zu ihm und drückte A.

„…“

Ein Kampf begann.

Rot’s Sprite hatte keine von den Deformierungen, an denen mein eigener litt. Die Farbe war dasselbe Blau-Grau, aber er war intakt. Er sah nur…extrem traurig aus. Sein erstes Pokémon erschien: Bisaflor. Es war so, wie meine eigenen gewesen waren…aber auf Level 0, mit kaum Leben. Ich sandte Tornupto aus, das bloß 6 KP übrig hatte. Keins der Pokémon machte einen Ton, als es in den Kampf geschickt wurde.

„Bisaflor setzt Verzweifler ein.“

Es gab keine Animation, bloß einen einzigen Punkt Schaden, der Tornupto zugefügt wurde und dann fiel der gegenüberstehende Sprite vom Bildschirm.

„Bisaflor ist gestorben.“

Es gab keinen Text, der mich fragte, ob ich auswechseln möchte. Stattdessen war da nur ein einziger Dialog, der wohl von Rot kam.

„…“

Sein nächstes Pokémon war Turtok, sogar noch entstellter als das Bisaflor gewesen war. Auch dieses setzte Verzweifler ein und starb. Nach jeder Runde kam diese ominöse „…“ von ihrem Trainer. Jeder Sprite war stärker beschädigt als der letzte; sein Psiana war kaum noch als ein Pokémon zu erkennen. Ich bemerkte irgendwann, dass er sie alle in der richtigen Reihenfolge aussandte, was ein Pokémon als Letztes ließ.

Pikachu kam heraus und es war grotesk. Es war auch farblos, als wäre es erfroren. Ihm fehlte ein Ohr, die Hälfte seines Körpers und seines Schwanzes, sein Kopf war überwiegend intakt, aber seine Augen waren viel größer, als sie hätten sein sollen und starrten mich an wie ein pechschwarzes Fenster zur Hölle…aber was mich am meisten fürchtete, war das riesige Lächeln, dass sich fast über sein ganzes Gesicht – bis zum Rand seines Kopfes – erstreckte. Sein Leben war irgendwie auf 0, oder es sah zumindest so aus. Meine Hände zitterten. Ich hatte keine Chance, eine Attacke zu nutzen.

„Pikachu benutzt Leidteiler.“

„Pikachu ist gestorben! Tornupto ist gestorben!“

Es ging zurück zu dem Sprite von Red…und nun sah er aus wie meiner, sein Körper so zerschlagen, dass es aussah, als hätte jemand einen Kadaver von seinem Fleisch befreit….bis auf die Tatsache, dass er die selben, seelenlosen, verstörten Augen wie Pikachu hatte.

Ich verstand endlich, was passierte. Sie waren tot. Sie waren alle tot und dieses Vorstufe des Silberbergs war die Hölle, in der sie nun existierten.

Rot sprach endlich.

„Es ist vorbei.“

Der Bildschirm blitzte für einen Moment weiß und schwarz auf.

„benutzt Abgangsbund!“

Ein fürchterliches, abscheuliches Kreischen begann, aus meinem GBA auszutreten. Der Bildschirm wurde weiß und er schrie mich an und ich warf ihn auf den Boden und presste meinen Rücken gegen mein Bett. Das fürchterliche Geräusch hielt einige Momente an, während der Bildschirm weiß blieb.

Dann wurde er schwarz.

Ich brauchte eine Weile, aber letztlich stand ich auf. Ich nahm den Gameshark. Ich nahm das Notizbuch. Ich nahm das verdammte, besessene Spiel. Ich hob sie alle auf und brachte sie in die Mülltonne, die wir bereits am Ende unserer langen Auffahrt postiert hatten, damit sie am nächsten Tag abgeholt werden konnte…und ich warf sie hinein. Als ich zurück zum Haus ging, wusste ich nicht, was ich tun sollte, aber ich nahm meine gelbe Edition auf und steckte sie in meinen Game Boy. Ich glaube, ein Teil von mir wollte sichergehen, dass sie nicht irgendwie beschmutzt worden war. Die Musik begann. Das Spiel spielte. Ich drehte mich zu meinem Pikachu und drückte A.

Sein lächelndes Gesicht begrüßte mich mit einem zuckenden Ohr und einem großen, verpixelten Lächeln. Ein angenehmes, normales Lächeln. Ich schaltete das Spiel aus und verbrachte die nächste Stunde damit, auf dem Boden zu weinen.

Mein Bruder und ich spielten Pokémon nie wieder zusammen – er gab es für immer auf. Ich blieb dabei, meine tröstenden, nicht gehackten Spiele zu spielen.

Diesen Winter fiel der Schnee sehr dicht.

Übersetzerin: Hikari17

Original: http://creepypasta.wikia.com/wiki/Easter_Egg-Snow_on_Mt._Silver


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Verfasst 5. November 2012 von Icebird in category "Ortschaften & Gebiete

6 COMMENTS :

  1. By DaWolf on

    krass :D dachte anfang ok locker easy aber das ende richtiges bild im kopf versätzt danke :)

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