August 31

Türen

Ich wurde adoptiert. Ich habe meine echte Mutter nie kennengelernt; eigentlich habe ich sie einmal gesehen, aber ich war zu jung und klein, um mich daran zu erinnern. Ich liebte meine Adoptivfamilie. Sie waren wirklich freundlich zu mir. Es gab gutes Essen, ich lebte in einem warmen und gemütlichen Haus, und ich konnte noch ziemlich spät aufbleiben.

Lass mich ganz kurz etwas über meine Familie erzählen: Zuerst gibt es meine Mutter. Ich habe sie nie Mutter oder so genannt; ich habe sie einfach bei ihrem Vornamen genannt. Janice. Es machte ihr eigentlich nichts aus. Ich hatte sie schon so lange Janice genannt, ich glaube, sie hatte es nicht mal bemerkt. Wie auch immer, sie war eine sehr freundliche Frau. Ich glaube, sie war es auch, die meine Adoption von vornerein befürwortete. Manchmal würde ich gerne meinen Kopf vor dem TV an sie legen und sie würde mich dann am Rücken mit ihren Nägeln kitzeln. Sie ist eine dieser Hollywood-Mütter.

Dann gibt es da noch Dad. Sein echter Name war Richard, aber er hatte mich nie wirklich gemocht, deshalb habe ich ihn immer Dad genannt, hoffnungslos, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Es hatte nie funktioniert. Ich glaube, egal wie ich ihn nennen würde, er würde mich nie so sehr lieben wie seine eigenen Kinder. Das ist verständlich, deshalb habe ich auch nie lange drauf rumgeritten. Er zögerte nicht, seine Kinder zu schlagen, wenn sie etwas Falsches getan hatten. Ich habe das herausgefunden, bevor ich die Toilette richtig benutzen konnte. Er zögerte auch nicht, mich zu schlagen. Nun, mir geht es gut und es sind wahrscheinlich einfach seine Methoden.

Zuletzt gibt es da noch meine Schwester. Klein Emily war sehr jung als ich adoptiert wurde, also waren wir etwa im selben Alter, aber sie war bisschen älter. Mir gefiel der Gedanke, dass sie meine kleine Schwester sein könnte. Wir verstanden uns besser als andere Geschwister es je könnten. Wir würden immer lange aufbleiben und einfach nur reden. Naja, sie übernahm meist den Part des Sprechens; die meiste Zeit habe ich einfach nur zugehört, weil ich sie liebte. Wir hatten eine großartige Zeit. Wir waren kurz in Schlafzimmern, weil ich nicht im Wohnzimmer schlafen wollte, als ich kleiner war – ich hatte einen kleinen Korb neben ihrem Bett. Das ist der Ort, an dem ich seither schlafe. Aber es war okay für mich, weil ich es genoss, mit ihr zusammen zu sein und ich hatte immer einen kleinen Beschützerinstinkt für meine kleine Schwester.

Doch alles änderte sich in einer schrecklichen Nacht am Mittwoch. Ich war zu Hause und habe ein Nickerchen gemacht, als Klein Emily die Haustüre öffnete. Das Geräusch, das die öffnende Türe von sich gibt, hatte mein Interesse geweckt und ich lief von meinem Zimmer runter in den Flur ins Wohnzimmer. Das war das erste Mal, dass ich bemerkte, dass es Mittwoch gewesen war. Ich konnte mir eigentlich nie wirklich Wochentage merken. Naja, um ehrlich zu sein, war mein Gefühl für die Zeit einfach SCHRECKLICH! Aber ich wusste, dass es Mittwoch war, weil Emily gerade von ihrer Kirchenjugendgruppe nach Hause kam. Sie lief ins Wohnzimmer und umarmte mich, dicht gefolgt von Dad und Janice.

„Hattest du ein nettes Nickerchen?“, sagte Janice aufziehend, als sie mein Haar durcheinander brachte. Ich drehte meinen Kopf weg und schnaubte in einer Art, in der ich zeigen wollte, dass ich auch meine Späße mit Janice mache.
„Hör auf, deine Mutter so anzuschnauben!“, sagte mein Vater grob. Er schloss die Türe hinter mir und hing seine Jacke auf.
„Ich habe doch nur Spaß gemacht…“, grummelte ich unter meinem Atem. Er hatte mich wohl nicht gehört, weil ich mich nicht geschlagen sah. Emily ging dann in ihr Zimmer und ich folgte ihr. Sie fing an, mir von ihrem Tag zu erzählen. Weißt du… mehr so Teenager-Sache. Aber ich hörte ihr zu, damit sie sich besser fühlte. Nach ihrer Erzählung schlug sie vor, TV zu schauen, und ich freute mich und sprang auf das Bett, als sie nach der Fernbedienung griff. Sie verdrehte wegen meiner kleinbrüderlichen Unreife die Augen, rutschte mich zur Seite und saß sich hin. Der TV ging an und wir schauten zusammen, bis die Sonne unterging. Emily war diese Art von Mädchen, dass, anstelle von Cartoons und Daily-Soaps, eher Discovery und Animal Planet und Natural Geographic anschaute. Ich mochte das auch, als machte es mir nichts aus. Eigentlich waren das die einzigen Sendungen, die meine Aufmerksamkeit aufrechterhalten könnten.

Es wurde spät und Janice erschien hinter unserer Couch. „Emily, es wird höchste Zeit fürs Bett. Schalt den Fernseher aus und geh in dein Zimmer. Du auch“, und zeigte auf mich. Emily schaltete das Programm aus und stand auf. Sie ging den Flur entlang in unser Zimmer. Als ich ihr folgte, lies mich das Gefühl nicht los, dass irgendetwas nicht stimmte.

Wir gingen in unser Zimmer und Emily schaltete das Licht aus. Gerade als sie es tat, erblickte ich eine Bewegung in der Ecke. Es war außerhalb des Fensters, aber bevor ich genau erkennen konnte, wo das Fenster war, war es nicht mehr in meinem Winkel. Ich hielt immer noch Stellung. Meiner Schwester zu Liebe.

Ich lag in der Dunkelheit mit nichts, außer dem dünnen Licht, das von der Straßenlaterne kam. Es war nicht viel. Ab und an hatte ich das Gefühl, dass ich leise Geräusche außerhalb des Fensters gehört hätte… ein Ästeknistern, Blätterknirschen. Und die ganze Zeit konnte ich einen feinen Gestank von Schweiß und Blut riechen. Ich hielt meine Augen die ganze Nacht offen.

Die Geräusche und der Gestank verschwanden. Ich fühlte die Ruhe. Meine Augen schlossen sich langsam.

Nicht viel später hörte ich plötzlich einen lauten Krach in der anderen Seite des Hauses. Sofort war ich aufgesprungen. „DA IST JEMAND IM HAUS!“, kläffte ich mit vielen Adrenalinstößen. „Wach auf!“, schrie ich Emily an. Sie tat es, und sobald sie sich aufsaß, ging in das Zimmer meiner Eltern…

Dad war tot. Sein Nacken war aufgeteilt und es spritzte durchweg Blut heraus, auf das Bett, und auf den Boden. Ich sah, wie die Türe zum Badezimmer verschlossen war und davor stand – außerhalb – ein Mann.

Ein Mann… ich fühle mich nicht wohl damit, ihn so zu nennen.

Er war sehr lang und rau. Er drehte sich um und sah mich, und dann sah ich ihn das erste Mal richtig. Ich werde es nie vergessen. Seine Augen waren groß und perlartig und gefüllt mit Lust. Er hatte einen ungepflegten Bart, an dem Blut tropfte. Seine Kleider waren dreckig und sein Gesicht war kalt. Dann bemerkte ich denselben grauenhaften Gestank von Schweiß und Blut von vorher, aber dieses Mal war es übertrieben.

Er sah mich. Er sah mich und grinste mich mit seinen gelben Zähnen an. Dieses Grinsen machte mich fertig. Ich dachte, dass ich jetzt sterben würde, aber dann drehte er sich um und widmete sich wieder der Badezimmertüre, unbeeindruckt von meiner Präsenz. Ich hatte Angst und ich wusste nicht, was zu tun war. Ich brüllte und weinte nur. Ich sah, wie er die Tür durchbrach, die Mamis einziger Schutz war. Ich sah, wie er den langen Rasierer empor hielt, den er in der Hand hielt. Ich sah, wie er sie aufschnitt und sie in Stücke riss…

Dann hörte ich etwas; das letzte, was ich wirklich hören wollte… Es war Emilys Schrei. Er kam direkt hinter mir. Das große Monster drehte sich um und starrte meine kleine Schwester an. Ich war verzweifelt. Er stand auf und lief schnell zu uns. Meine Schwester drehte um und rannte, und ich wusste nicht, was ich tun sollte, als er an mir vorbeiging und ihr hinterher lief. Warum war sie immer noch im Haus? Konnte sie die Situation nicht einschätzen und einfach wegrennen? Anscheinend nicht, jetzt würde sie sterben und ich war alleine.

Ich rannte ihnen hinterher. Ich hatte erwartet, er würde sie ebenfalls töten, wie den Rest meiner Familie… aber ich lag leider falsch. Er schnappte ihren Arm und rüttelte ihren ganzen Körper in einer Art, als würde er sagen wollen, er hätte es unter Kontrolle. Er schleppte sie durch das Haus… Ich gab alle Geräusche von mir, die ich machen konnte, hoffend und betten, jemand würde sie hören. Er darf sie nicht nehmen. Nicht sie.

Als er an mir erneut vorbeiging, schlug er mich gegen die Wand. Voller Angst winselte ich. „Warum?“ Er antwortete mir nicht, er packte mich nur am Kopf, während Emily schrie: „Guter Junge!“ Er grinste wieder so unheimlich, mit einem kalten, unnatürlichen Lachen. Ich folgte ihm an die Türe, wo er meine Schwester hinterherschleifte. Er öffnete sie, schmiss sie heraus, und schlug die Türe hinter mir zu.

Ich sitze jetzt in meinem Haus, mit meinen verstümmelten Adoptiveltern, voller Verzweiflung winsele und weine ich. Er ist mit ihr draußen. Was auch immer er mit ihr anstellt, ich kann nichts dagegen tun. Ich würde, wenn ich könnte, aber ich kann nicht. Ich würde ihn bis ans Ende der Welt jagen, aber ich kann nicht. Ich sitze hier, schaue auf die Haustüre. Ich schaue auf meine Pfoten. Wenn ich doch nur die Türe öffnen könnte…

Original: http://www.creepypasta.com/doors/


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Verfasst 31. August 2012 von Icebird in category "Morde & Tode

17 COMMENTS :

  1. By Michelle Bösch on

    Ich verstehe nur noch nicht ob Dad und klein Emely echte Menschen sind in diesem Fall. Im letzten Teil ich so: „Pfoten“ was??? Ist doch gar falsch 2x gelesen erst dann kapiert (den Abschnitt) aber sonst sehr gute traurige CP

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  2. By Alakroma on

    ab dem teil mit dem korb kam mir der gedanke, das der erzähler wohl ein tier sein musste, trotzdem sher gut gemacht, coole geschichte ^^

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  3. By Erdnusskern on

    Ich war an der Stelle mit dem Korb etwas verwirrt, dachte mir aber eigentlich nichts weiteres dabei… Tolle Pasta ^^

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  4. By Anon on

    Ich hab ziemlich schnell gemerkt, dass es ein Hund war, daher hat mich die Geschichte nicht so mitgerissen :/

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    1. By JanF on

      Ja, das war an manchen Textstellen einfach zu offensichtlich. Hat mich auch nicht wirklich gepackt.

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  5. By Miepsmops12 on

    Ich dachte mir zuerst „Wtf?“ Dann hab ich nochmal den letzten absatz gelesen und erst dann hab ich gemerkt das es ein hund ist und kein mensch xD

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  6. By Gamer on

    Die traurigste und wohl auch einer der besten Creepypastas ever. Ich dachte das wäre wieder 08/17 aber das hat mich echt gerührt. Habe gerade Tränen im Auge

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  7. By Sandro Messer on

    Dass ein Hund und kein Mensch die ganze Geschichte erzählt und erlebt hat, hatte mich echt irgendwie geschockt. Und in dem Moment war auch alles klar. Ich finde aber auch, dass diese Geschichte echt traurig ist. :.(

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  8. By Sarah Zeuge on

    das ist übelst traurig T.T
    jetzt muss ich an meinen verstorbenen hund denken und was er wohl gedacht hat als es streit zu hause gab.

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